Wiktoria's Life

[Archiv] Rezension: Jodi Picoult – In den Augen der anderen

Heute möchte ich Euch eines meiner Lieblingsbücher vorstellen. Diese Rezension schrieb ich bereits im April 2014, weshalb es ein Archivtext ist.

Klappentext:
Dein Sohn ist des Mordes angeklagt. Deine Angst ist es, er könnte es wirklich getan haben…
Jacob hasst es, wenn sein gewohnter Tagesablauf gestört wird. Routinen sind für ihn lebenswichtig, denn er leidet am Asperger-Syndrom. Doch als er des Mordes verdächtigt wird, bricht die von seiner mutter Emma mühsam erkämpfte Normalität zusammen. Alle Indizien sprechen gegen Jacob. Aber Emma nimmt den Kampf auf. Denn es geht um das Leben ihres Sohnes – und um die Rechte von Menschen, die „anders“ sind.
Meine Meinung:
Emma ist die allein erziehende Mutter von Theo und Jacob. Während Theo ein ganz normaler Teeanger von 15 Jahren ist, leidet der 18-jährige Jacob am Asperger-Syndrom. Henry – der Vater der Jungs – hat die Familie kurz nach Jacobs Diagnose verlassen und eine neue Familie am anderen Ende der USA gegründet. Emmas ganzer Alltag besteht darin, Jacobs Ausbrüche zu vermeiden für die bereits kleinste Auslöser reichen, z.B. dass die Verkäuferin, die im Supermarkt immer an ihrem Platz sitzt zum ersten mal fehlt. Emma gibt ein horrendes Geld für Nahrungsergänungsmittel und Therapien aus. So sehr sie sich auf Jacob fixiert, so sehr verliert sie im gleichen Maße Theo aus den Augen. Doch so tragisch es klingen mag, der Junge hat sich daran gewöhnt immer die Nummer 2 für seine Mutter zu sein.
Eines Tages wird Emmas Welt umgeworfen. Ein junges Mädchen ist tot – Jacobs Tutorin. Alle Zeichen sprechen dafür, dass Jacob der Mörder ist. Es treten verschiedene Figuren an den Plan, unter anderem Rich Matson, der Detective der Jacob verhört. Oliver Bond, ein Junganwalt zu dem Emma rennt und der Jacob raushauen soll. Es beginnt eine nerven- und kräftezehrende Zeit in der es einzig und allein darum geht zu beweisen, dass Jacob unschuldig ist.

Die Gedanken zu diesem intensiven Roman zu sortieren ist nicht ganz einfach. Er hat mich in den Schlaf begleitet und in Lesepausen beim Kochen. Die letzten 250 Seiten habe ich quasi am Stück weggelesen. Nicht zu wissen wie das Buch zu Ende geht hätte mich um den Schlaf gebracht.

Dieser Roman ist mein erster Jodi Picoult Roman und ich bin tief beeindruckt. Picoult schafft eine Welt, die mir Asperger-Neuling völlig fremd und zuweilen skurill ist. Jacob besteht auf farbigen Tagen, zum Beispiel weißen Montagen und blauen Freitagen. Emma hat die Herausforderung, alle Speißen und Jacobs Kleidung diesen Farben anzupassen. Doch sie tut es ganz einfach – weil sie es seit 15 Jahren so macht (Jacob hat die Diagnose mit 3 Jahren bekommen). Das Buch scheint sehr gut recherchiert zu sein (wobei ich mich vielleicht nach etwas Abstand noch tiefer mit dem Asperger-Syndrom beschäftigen werde). Man taucht einfach ein in Emmas Welt, die sie so hartnäckig aufgebaut hat und die sie beschützt wie eine Löwin. Durch ihren Vollzeit Job mit Jacob verliert sie dabei oft genug Theo aus den Augen. Theo liebt seinen großen kleinen Bruder war sehr, dennoch kommt er nicht davon weg sich vorzustellen, wie sein Leben wohl ohne einen autistischen Bruder wäre. Denn auch sein Leben ist ein einziger Kampf, er ist immer der mit dem seltsamen Bruder. Er kann nie in den Urlaub fahren, weil Jacob fliegen nicht erträgt. Er kann keine Freunde einladen, weil das Jacobs Tagesablauf stören würde. Man hat Mitleid mit dem Jungen, der es schon lange aufgegeben hat um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu buhlen. Als es dann zur Mordanklage kommt, wird Emmas und Theos Kampf noch härter. Sie kämpfen gegen die Anschuldigungen, gegen das Flimmern des Neonlichts im Gerichtssaal das Jacob einen Zusammenbruch erleiden lässt. Sie kämpfen gegen die Termine des Gerichts damit Jacob um 16.30 wie jeden Tag die Krimi-Serie CrimeBusters anschauen kann.
Der schlimmste Gegner im Gericht ist jedoch Jacob selbst. Seine nicht vorhandene Fähigkeit zur Emphatie („Jess ist tot, warum sollte ich mich traurig zeigen, sie kommt ja doch nicht wieder“), die Tatsache dass ihn der Hammer des Richters mehr aufregt als die grausigen Details von Jess‘ Autopsie – all das lässt Oliver und Emma an die Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten und Kräfte stoßen. Dazu kommt Jacobs makabre Fixierung auf die Kriminalistik und auf Tatorte, die auch gerne zu Hause nachstellt. Für Staatsanwältin Helen Sharp reicht das: ein kaltblütiger Killer der sich auch noch am Tatort ergötzt und der scheinbar keinerlei Emotionen hat.

Kommen wir vielleicht zum Aufbau des Buches. Das Buch wird aus verschiedenen Perspektiven geschrieben: aus denen von Jacob, Emma, Theo, Oliver und Rich. Das Buch ist in acht Teile untergliedert, vor jedem Teil kommt ein kriminalistischer Fall beschrieben ist, der trotz seiner Komplexheit am Ende doch gelöst werden könnte. Meine Interpretation der Fälle ist: dem Leser soll bewusst gemacht werden, dass auch der Tatort um Jess herum kein perfekter war und der Mörder am Ende gefunden wird. Dank der verschiedenen Perspektiven erlebt man jede Figur einzeln für sich. Jacobs autistische Gedankengänge werden einem zugänglich (wenn auch nicht ganz nachvollziehbar) gemacht, man erlebt Emmas und Theos Hilflosigkeit und Kampf. Durch diese Perspektiven bekommen alle Protagonisten einen vollständingen Charakter der sich klar umreisst und von den anderen unterscheidet.

Der Schreibstil ist sehr mitreissend. Ein klassischer Page-Turner bei dem man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann und will.

Leider hat die Geschichte ein paar kleine Schwachstellen, die sie den 5. Stern kosten. Nach meinem persönlichen Geschmack ist die Geschichte mit 700 Seiten etwas zu lang. Das heißt nicht, dass das Buch langweilige Längen hatte, aber es ist schon sehr umfangreich geschrieben. Was mich eigentlich am meisten gestört hat war die Tatsache dass Emma und Oliver Angst vor der Wahrheit hatten. Jacob kann nicht lügen, sagt immer die Wahrheit. Oliver kann man noch verstehen, wenn er die komplette Wahrheit zu Jess Todesumständen wüsste wäre seine komplette Verteidigungsstrategie hinfällig. Aber Emma? Die so sehr hofft, Jacob hat diesen Mord nicht begangen frägt ihn einfach nicht. Beziehungsweise sehr spät. Und auch dann nur: Jacob, hast Du sie getötet? Und sie gibt sich mit einen „Nein“ zufrieden obwohl sie merkt, dass Jacob ihr etwas verschweigt. Warum frägt sie ihn nicht nach den ganzen Umständen? Wie hat er Jess vorgefunden? Was ist genau passiert? Emma verschließt die Augen vor der Realität. Sie mag es aus purem Überlebensinstinkt tun aber will eine Mutter nicht die volle Wahrheit wissen, wenn ihr Kind vor Gericht steht?
Dritter Wehrmutstropfen: Theo ist auch offensichtlich in den Fall verwickelt, wenn auch als Randfigur. Er hadert mit sich (soll er Jacob ans Messer liefern oder gesteht er seinen Part in der Geschichte). Emma lässt ihn nicht zu Wort kommen und so gibt er – wie so oft in seinem Leben – einfach auf.

Eine lange Rezension mit vielen Gedanken und Eindrücken. Aber ein so intensives Buch hat auch mehr Worte verdient….

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