Brief an meine Tochter zum 1. Geburtstag

Meine süße Maus,

in wenigen Stunden wirst Du 1 Jahr alt. Du schläfst bereits, ahnst nicht was für ein großer Tag Dich morgen erwartet.

Dieses Jahr – es war das intensivste das ich jemals gelebt habe. Es stellt alle voran gegangenen Jahre in den Schatten. Am 30. Dezember 2014 kamst Du zur Welt und hast mich zu einem neuen Menschen gemacht – zu einer Mama. Zu Deiner Mama. Danke, dass ich Deine Mama sein darf, ich möchte nichts anderes mehr im Leben sein.

Ganz so einfach wollte Dir der Weg auf die Welt nicht gelingen. Du warst auf den 23. Dezember ausgerechnet und vielleicht wolltest Du sogar auf den Termin genau kommen. Es hat nicht geklappt. Ob es am Krankenhaus lag, an mir oder ob Du es Dir im letzten Moment doch noch anders überlegt hast weiß ich nicht. Es spielt auch keine Rolle. Auch wenn Deine Geburt etwas turbulent war so habe am Ende im OP um 16.55 Uhr Dein Schreien gehört. Und wusste: jetzt bin ich Mama. Einer kleinen Tochter. Du bist endlich da. Ich konnte die Emotionen, die wie Strom durch meinen Körper schossen kaum beherrschen in diesem Moment. Ein kurzer Blick auf Dich und Du wurdest zusammen mit dem Papa in den Kreißsaal gebracht.

Quälende Minuten später durfte ich Dich dann endlich sehen. Richtig sehen. Mein wunderschönes Mädchen. Es gibt Momente, die brennen sich wie ein Foto in Dein Gedächtnis. Dieser Moment, als die Hebamme mit Dir auf dem Arm zu mir kam ist einer, den ich niemals vergessen werde. Wie Du gerochen hast. Wie das Licht war. Wie Dein Papa gestrahlt hat. Die Welt stand still. Und sie war perfekt genauso wie sie war.

Ein Jahr ist all das nun her. Verrückt. In diesem Jahr bist Du von einem kleinen, schlafverweigerndem Neugeborenen zu einem kleinen Mädchen herangewachsen (das immer noch den Schlaf verweigert). Dass Du ein charakterstarkes Wesen bist hat unsere Hebamme schon beim ersten Besuch festgestellt. Sie hat bis heute recht behalten.

Du hast mir so unglaublich viele Momente gegeben die mein Leben besser gemacht haben. Das erste Lächeln. Der erste Brei (nach dem Du direkt ins Bett gefallen bist, scheinbar hat Dich die Karotte ausgeknockt). Die ersten Versuche vorwärts zu kommen. Das erste Sitzen. Die ersten Schritte. Das erste mal „Mama“. Wie oft habe ich mich gefragt wie ich es 29,5 Jahre ohne Dich ausgehalten habe. Du hast eine Lücke gefüllt von der ich nicht wusste dass sie vorhanden war und dass sie so groß war.

Es gab und gibt Tage, da verzweifle ich. Du stures Mäusschen hast so sehr Deinen eigenen Willen. Wenn etwas nicht nach Deinem süßen Kopf geht schimpfst Du so laut mit mir, dass ich manchmal das Gefühl habe, die Nachbarn könnten es hören. Der Mittagsschlaf war schon immer ein Kampf und  oft genug hat es mich an meine Grenzen getrieben wenn Du im Bett einfach nur gemeckert hast anstatt zu schlafen. Oder – als Du es dann konntest – Dich einfach im Bett hingestellt hast und mir voller Vorwurf im Gesicht entgegegen geweint hast.

Es gibt Augenblicke in denen ich mich schwach fühle. Der Aufgabe nicht gerecht. Wie soll ich aus Dir kleinem Wesen eine verantwortungsvolle, selbstbestimmte und starke Frau machen? Tief in meinem Herzen weiß ich, Dein Papa, Du und ich – wir sind ein starkes Team und wir schaffen das.

Wenn ich sage, dass Du einen anderen Menschen aus mir gemacht hast, dann meine ich damit nicht nur die Tatsache dass ich als Mama im Leben eine neue Rolle habe. Damit meine ich genau genommen fast alles. Du hast in mir eine Stärke geweckt von der ich nie dachte, dass ich sie besäße. Du hast mir beigebracht dass es sich lohnt, für sein eigenes Recht, seinen Weg und seinen Willen zu kämpfen. Du hast mir gezeigt dass ein gesunder Egoismus genau richtig ist. Dass es in Ordnung ist, auf sich und seine Bedürfnisse zu achten und sie bei Bedarf auch lautstark einzufordern. Du hast mir gezeigt, worum es im Leben wirklich geht. Darum jemanden zu lieben. Für ihn verantwortlich zu sein. Für ihn da zu sein. Du hast mir gezeigt dass ich mir in der Vergangenheit viel zu viele Gedanken um unnötige Dinge gemacht habe.

Ich habe Dich in den letzten 365 Tagen an keinem einzigen Tag selbstverständlich genommen. Wie oft sitze ich da, beobachte Dich beim Spielen und kann nicht glauben dass Du da bist. Weil Papa und ich uns dafür entschieden haben, bist Du ein Teil unseres Lebens geworden. Nein, Du bist unser Leben. Ich denke hin und wieder an die Tage an denen Papa und ich am TV saßen, alleine ohne Dich. Einfach in die Stadt gegangen sind. Ins Kino. In den Urlaub geflogen sind, einfach so. Das ist heute nicht mehr so einfach möglich. Sogar ein Besuch beim Italiener muss geplant werden (nehmen wir Dich mit? Babysitter? Und wenn Du mitkommst, wann müssen wir zu Hause sein? Gibt es einen Wickeltisch?). Das Leben vor Dir war ein Gutes, Schönes. Dank Dir ist es aber erst lebenswert.

Und nun wird mein kleines Wunder ein Jahr alt. Mein Baby wird zum Kleinkind. Ich sitze hier und kann es irgendwie immer noch nicht so richtig glauben. Mein Baby, dass ich mir gewunschen habe, von dem ich so lange geträumt habe, wird nun schon zum großen kleinen Mädchen.

Deine Mama liebt Dich von ganzem Herzen. Dein Papa auch.

Happy Birthday Mausi.

2 Gedanken zu „Brief an meine Tochter zum 1. Geburtstag

  1. Sehr schönes Brief an deine kleine Tochterchen , sehr rührend. Ich als Talias Oma kan nur mit den beiden Händen unterschreiben, Ich liebe dich auch über alles kleine maus <3 <3 <3

  2. Hallo,
    Erst mal wünsche ich deiner Tochter alles alles Liebe zum Geburtstag !

    Und dieser Brief ist, wunderschön geschrieben !

    Genieße die Zeit so lang es möglich ist, die Jahre vergehen sooo schnell ! 🙂

    XoXo Michi XoXO

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