Brief an meine Geschwister

Liebe Schwester, lieber Bruder,

wisst ihr beide wie lieb ich Euch eigentlich habe?

Nicht alleine aufzuwachsen habe ich immer als sehr großes Glück empfunden. Du liebe Schwester bist nur 3,5 Jahre jünger als ich, wir teilen eine gemeinsame Kindheit. Mit Dir, meinem Bruder, der Du immerhin 10,5 Jahre jünger bist teile ich alles danach.

Liebe Schwester,

unsere gemeinsame Kindheit war einfach wundervoll. Was haben wir gemeinsam getrieben um unsere Eltern um den Verstand zu bringen. Kein Streich, kein Unsinn für den wir uns nicht zu schade gewesen wären. Wir bauten Höhlen (am Spielplatz wie im Kinderzimmer), spielten mit Puppen, fuhren Fahrrad und Inline Skates, fuhren Schlitten. Meine Kindheit ist unweigerlich mit Dir verbunden und ich möchte keinen Tag davon missen. Du warst und bist meine andere Hälfte.

Im Kinderzimmer entschied sich so mancher Konflikt. Unser Sozialverhalten haben wir am lebendigen Objekt aneinander gelernt. Wir stritten, wir schlugen auch manchmal (aber nie ohne vorher die Brillen abzusetzen!), wir liebten, wir kuschelten und wir waren beleidigt. Wir waren ganz normale Schwestern und es war einfach grandios. So oft wir einander nicht mal ins Gesicht schauen wollten, so oft haben wir uns gegen die Eltern verschworen, etwas ausgeheckt.

Niemand kennt mich besser als Du, niemand hat mein Leben länger begleitet als Du. Du kennst alle Höhen und Tiefen meines Charakters weshalb Du oft genug meine Notfall-Telefonnummer bist wenn ich mal eins auf die Mütze brauche.

Wir waren schon immer unterschiedlich, von klein auf. Man hätte uns nicht für Schwestern gehalten und auch heute passiert das noch relativ selten. Du warst immer die Starke, die Taffe, die sich mit jedem und allen angelegt hat. Die mit der großen Klappe. Ich war die Schwache, die Schüchterne die jedem gefallen wollte. Obwohl ich die große Schwester bin, in unserer Beziehung warst eigentlich immer Du die große Schwester. Was Du von Geburt an an Selbstbewusstsein dabei hattest hat sich bei mir erst mit Mitte zwanzig entwickelt. Ich habe so viel von Dir gelernt und dafür danke ich Dir.

Auch heute könnten wir verschiedener nicht sein. Du bist auf dem Weg zur Karrierefrau während meine Berufsbezeichnung Hausfrau ist. Auch unsere Weltanschauungen unterscheiden sich teilweise stark, weshalb wir auch durchaus in der Lage sind heute noch laut und kräftig zu streiten. Und gleichzeitig ist da diese Verbundenheit, dieses tiefe Wissen dass Du zu mir gehörst, egal wie wenig wir auf den ersten Blick gemeinsam zu haben scheinen. Na gut, außer vielleicht die Liebe zu Büchern, die haben wir wirklich gemeinsam. Und das Reisen, ja stimmt. Wir reisen beide so gern. Und die Sprachen! Sie verbinden uns! Und vielleicht ist es genauso genau richtig. Von den Unterschieden profitieren wir, die Gemeinsamkeiten schweißen uns zusammen.

Und was ich Dir schon immer mal sagen wollte: es ist eine Frechheit dass Du so weit weg gezogen bist. Wie konntest Du nur? Komm gefälligst zurück! Aber ganz im Ernst, Du hast Dein Glück in Dresden gefunden und ich gönne es Dir von ganzem Herzen. Aber ich vermisse Dich auch.

Hab Dich lieb.

Geschwister

Lieber kleiner Bruder,

Du bist doch der Kleine, nicht wahr? Wirst Du das nicht für immer bleiben? Herrje, ich erinnere mich so lebendig daran wie die Mama mit Kugelbauch umher gerannt ist. Ich erinnere mich so lebendig daran wie sie ins Krankenhaus gefahren ist und wir bei Freunden auf Nachricht von Mama und Papa gewartet haben. Wir würden einen kleinen Bruder bekommen! Das war mit 10 bzw. fast 7 ja so aufregend! Weihnachten war gelaufen, aber Papa stellte der Mama einen kleinen Weihnachtsbaum ins Krankenhaus und wir feierten alle zusammen dort Weihnachten.

Und heute? Steht ein Baum von einem Kerl vor mir. 20 Jahre alt. Mein kleiner Bruder ist groß geworden. Wir hatten 8 Jahre zusammen bevor ich ausgezogen bin. Ich war vielleicht oft gemein zu Dir, konnte wenig mit Dir anfangen. Habe es gehasst als ich mich nicht mit Freunden treffen durfte weil ich auf Dich aufpassen musste. Ich hoffe Du siehst es mir nach, die meiste Zeit Deiner Kindheit war ich ein Teenager der nicht wusste wo oben und unten ist.

Aber seit ein paar Jahren haben wir eine richtig grandiose Beziehung zueinander. Bewegen uns auf Augenhöhe. Wir führen so tolle Gespräche. Du bist einer der wenigen Männer mit denen man sich am Telefon festquatschen kann. Was aber auch daran liegt dass uns nie die Themen aus gehen. Du kommst auf einen Kaffee vorbei, einfach so. Ich liebe Deine Unkompliziertheit. Manchmal wünschte ich etwas mehr von Deiner Lockerheit zu haben. Mehr vom easy going. Obwohl Du mit beiden Beinen fest im Leben stehst bewundere ich Deine Leichtfüssigkeit. Du nimmst die Dinge wie sie kommen und grübelst nicht alles tot wie Deine Schwester(n). Aber vielleicht bist Du an dieser Stelle auch einfach ein Mann und keine Frau.

Weißt Du eigentlich dass Du der beste Onkel bist den sich Mausi wünschen kann? Du zeigst mir jedes mal dass Du nur Erzieher werden konntest. Deine Liebe zu Kindern ist unbändig und ich bin mir sicher dass Du eines Tages nicht nur der beste Onkel der Welt sein wirst sondern auch der beste Papa der Welt. Dein Feingefühl für Kinder ist sensationell. Das zeichnet Dich wirklich aus.

Du bist noch am Anfang Deines erwachsenen Lebens. Aber was ich sehe finde ich grandios. Du bist einer von den Guten. Bewahre Dir das bitte.

Auch Dich hab ich lieb.

Von Eurer großen Schwester

PolskaWersja

2 Gedanken zu „Brief an meine Geschwister

  1. Das sind schöne Liebeserklärungen! Ich habe keine Geschwister und kann mir ein Leben mit ihnen gar nicht richtig vorstellen, aber es klingt gut, dass ihr euch alle versteht, egal wie verschieden die Einstellungen sind.

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