Das Kind muss sich anpassen….

… diesen Satz habe ich vor wenigen Tagen von einer Person in meinem unmittelbaren Umfeld gehört. Diese Person hat keine Kinder und findet, ich bin die totale Glucke, die ihr Leben und ihre Persönlichkeit im Kreißsaal abgegeben hat. Dieser Person – ich nenne sie der Anonymität wegen Khloe – möchte ich ein paar Worte sagen.

Liebe Khloe,

ich war nie ein Freund von abgedroschenen Phrasen. Am meisten habe ich aber diese hier gehasst: „Du hast ja selbst keine Kinder. Du hast keine Ahnung!“. Meine Güte, hat mich dieser Satz genervt. Er klang, als hätten alle Eltern die Weisheit mit der Schöpfkelle gefressen und die Kinderlosen wüssten nicht, wovon die sprachen.

Heute muss ich zugeben, dass diese Phrase leider stimmt.

Khloe, meine liebe mir nahestehende Person. Ich freue mich über jede Einladung zu einem Event in Deiner Gegend. Sei es zu einem Open Air Konzert oder zu einer Party im Club. Die alte Alicja war bei solchen Sachen gerne dabei. Die neue Alicja ist jetzt aber Mama und muss ihr Leben um das Kind herum organisieren. Besuche bei Dir sind meist mit einer Übernachtung verbunden, also muss ich mich mit dem Papa absprechen oder das Kind anderweitig unterbekommen. Spontan geht anders, ich weiß. Aber das ist jetzt mein Leben.

Khloe, wir haben früher stundenlang telefoniert. Zwei, drei Stunden am Stück. Du wohnst ein bisschen von mir weg, daher waren unsere Telefonate so intensiv, so herrlich. Ich würde heute immer noch so gerne mit Dir stundenlang reden. Aber meistens habe ich ein kleines Mädchen um mich herum, dass nach maximal fünf Minuten ungehalten wird und versucht, das Telefon in die Finger zu bekommen. Ich versuche Dich zurückzurufen, sei mir aber nicht böse, wenn es erst im Jahre 2021 sein wird, wenn meine Kleine in die Schule geht.

Khloe, Du konnntest schon die ganzen 19 Monate nicht glauben, wie sehr mein Leben vom Kind beeinflusst ist. Wie sehr sich alles nur um das Kind dreht. Du hast mir sogar vorgeworfen, ich würde ohne Kind keinen Schritt mehr tun und wie eine Glucke dran hängen. Du könntest Dir nicht vorstellen, dass es so schwierig sei, weiterzumachen wie bisher. Wie könne man nur sein eigenes Leben so hinten anstellen?

Dein Kind würde sich an Dich anpassen müssen…

Liebe Khloe… das wird nicht gehen.

Anpassungsfähigkeit setzt voraus, dass man im Stande ist, sein Verhalten und seine Selbstorganisation den gegeben Umständen anzupassen. Dies wiederrum setzt Selbstreflektion und bewusste Aktionen vor. All dies kann ein kleines Kind nicht. Es dauert Jahre, bis diese Fähigkeiten erlernt werden.

Anpassen Kind

In den ersten Lebensmonaten kann ein Baby noch nicht einmal zwischen Tag- und Nachtrhythmus unterscheiden. Deswegen stehen leidgeplagte Eltern ja mehrmals pro Nacht auf um zu stillen oder die Flasche zu geben. Ein Baby kann sich nicht anpassen. Wenn es um 2 Uhr Hunger hat, dann wird es gefüttert. Egal, ob der Papa morgen ein wichtiges Meeting in der Arbeit hat oder ob die Mama vor Müdigkeit kaum aufrecht stehen kann. Die Eltern müssen sich dem Rhythmus des Kindes anpassen, nicht umgekehrt.

Bis das Kind überhaupt versteht, dass es ein eigenes Individiuum ist und nicht ein Teil der Mutter, werden ungefähr 6 Monate vergehen. Diese Erkenntnis ist aber keineswegs der erste Schritt Richtung Unabhängigkeit. Jetzt beginnt das Fremdeln und die akute Trennungsangst. Liebe Khloe, erinnerst Du Dich daran, dass ich meine Kleine immer hoch gehoben habe, als sie angefangen hat zu weinen? Du fandest es total überzogen. Die Kleine müsse ja auch mal kapieren, dass ich weggehen kann. Für ein Baby bist Du aber WEG. Es hat kein Zeitgefühl für 3 Minuten im Bad oder für 3 Stunden. Die Mama ist weg  und das ist ein enormer Stress für das Kind. Deswegen habe ich selbstverständlich immer versucht, die Trennungssituation für mein Mädchen so erträglich wie möglich zu machen.

Kinder sind unfähig, ihre Gefühle zu reflektieren. Ich verstehe meine Aufgabe als Mutter darin, sie in ihren Gefühlen zu begleiten. Sie kennenzulernen, damit sie ihrer Welle nicht hilflos ausgeliefert ist.

Und der Alltag? Der wird selbstverständlich auch um das Kind herum organisiert. Wenn meine Tochter zwischen 11.30 und 12.00 Uhr ihr Mittagessen bekommt, dann werde ich nicht um 11.45 Uhr einen Zahnarzttermin vereinbaren. Wie kann ich es einem Kleinkind verständlich machen, dass sein Hunger zu warten hat, weil Mama etwas vermeintlich Wichtigeres vor hat? Wenn meine Kleine ausgerechnet an dem Tag länger schläft, an dem wir einen Termin haben, dann komme ich höchstwahrscheinlich zu spät. Die Rechnung würde ich dann Nachts bezahlen müssen, wenn ich ein übermüdetes und überdrehtes Kind nicht zum Schlafen bekäme.

Liebe Khloe, in dem Moment, in dem Du ein Kind bekommst, dreht sich ALLES um Dein Kind. Absolut alles. Auch, wann Du auf Toilette gehst. Denn Du machst den Fehler nur einmal, aus dem Raum zu gehen, während Dein Kind gerade am Einschlafen ist. Du verlierst mit etwas Pech eine Stunde Zeit, weil sich das Kind in Rage schreit.

Liebe Khloe, ich weíß, dass Du Dir Kinder wünscht. Und doch merke ich, wie ungläubig Du meinen Alltag betrachtest. Wie schwer es Dir fällt zu glauben, was genau mein Leben jetzt ausmacht. Und dass die Kompassnadel ohne Abweichung immer auf das Kind zeigt.

Kinder sind etwas ganz Wundervolles. Sie bedeuten auch einen Berg Arbeit, ohne Frage. Und Du bist in etwa so spontan, wie ein Baum. Mal schnell aus dem Haus zu gehen ist nicht selten mit 15 bis 30 Minuten Vorbereitungszeit verbunden (je nach Alter des Kindes, Jahreszeit, etc.). Dein Leben wird sich um 100 % verändern. Das musst Du wollen. Darauf musst Du vorbereitet sein. Auch wenn Du trotzdem erst zu Hause mit Baby kapierst, was da gerade passiert. So richtig vorbereiten kann man sich nämlich nicht. Aber man muss bereit sein, sein altes Leben hinter sich zu lassen.

Liebe Khloe, Du wirst mal eine ganz wundervolle Mutter sein. Davon bin ich überzeugt. Aber sei bereit dazu.

In Liebe,

Deine Alicja Wiktoria

Ps. Ich wollte den Beitrag schon vor einer Stunde veröffentlichen, aber dann ist meine Kleine aufgewacht. Mütter kennen das…

9 Comments

Ich muss schmunzeln 🙂 das kommt mir so bekannt vor. Mein Sohn ist jetzt fünf und mein leben dreht sich auch um ihn herum. So ist das nun mal. Toll geschrieben!

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Danke schön, Conny!

Es heißt ja nicht, dass wir keinen Schritt mehr aus dem Haus tun. Ich nehme meine Kleine sogar ziemlich viel mit, vielleicht mehr als andere Mütter. Aber die Chefin bleibt immer noch sie.

Viele Grüße
Alicja Wiktoria

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Als unbekinderte zwischen vielen Freundinnen mit Kindern kenne ich Khloes Seite sehr gut, auch wenn ich es mir niemals herausnehmen würde, das Verhalten meiner Feundinnen gegenüber ihrer Kinder zu kommentieren oder darüber zu urteilen. Auch wenn ich nicht aus Erfahrung spreche, so kann ich sehr gut nachvollziehen, wie sehr dich ihr Verhalten und Unverständnis verletzt. Eine Sache darf aber aus der Sicht der Khloes dieser Welt nicht vergessen werden: wie sehr einem die Freundin fehlt, wenn sie in das Leben mit Kind ‚abgetaucht‘ ist!! Das eigene Leben geht ja normal weiter, während für die Freundin alles neu und anders ist. Das zu sehen ist für viele Frauen, die noch keine Kinder haben, oft auch sehr mit Neid behaftet was auch zu solchen Reaktionen führen kann.

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So ein toller Beitrag! Ich kenne da auch solche Exemplare in meinem Bekanntenkreis. Und ich war selber vor meiner kleinen Maus wahrscheinlich gar nicht so anders. Es gibt eben einfach Dinge im Leben, die muss man selber erlebt haben, um wirklich darüber urteilen zu können. Und wenn es um das Thema Kind geht, dann hat das einfach einen großen Teil auch mit Selbstaufgabe zu tun. Da davor aber wahrscheinlich viele ungebundene Menschen Angst haben, versuchen sie es sich schön zu malen… Wie gesagt – been there, done that ;).

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Ein schöner Brief! Den sich wahrscheinlich jede Mutter 1 zu 1 kopieren könnte, weil sie auch so eine Freundin hat. Ich darf mir das auch häufiger von einer Freundin anhören. Ich solle die Kleinen doch einfach zu den Großeltern stecken oder einen Babysitter anheuern. Kann ich machen. Will ich aber nicht. So einfach ist das nämlich nicht. Die Schwiegereltern sind nicht mehr sooo fit und mein Vater arbeitet Schicht. Ab und an kommt mein Bruder, der abends aufpasst. Aber das will ich auch nicht überstrapazieren, bzw. der arbeitet ebenfalls Schicht und hat oft keine Zeit. Und ich bin nun mal niemand, der gerne andere um Hilfe bittet, geschweige denn Fremde ins Haus lässt. Mein Mann passt auf, klar. Aber da es bei uns meistens um Pärchenveranstaltungen geht …
Und schließlich habe ich mir das so ausgesucht mit den Kindern.
Ich kenne Eltern, die bringen ihre Kinder ständig irgendwo unter. Und verlangen das dann auch von anderen. So sind wir aber nicht. Mein Mann ist da ebensowenig ein Freund davon wie ich. Das Leben mit Kind/ern ist nun einmal ein Anderes.
Einen lieben Gruß
Tina

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Toller Beitrag!

Ich bin zwar ebenfalls kinderlos, kann aber gut verstehen, wie sehr sich das Leben mit Kind verändert.
Meine beste Freundin hat ebenfalls vor 5 Jahren ein Kind bekommen und hat mit der Kleinen ’nur‘ eine Woche bei mir gewohnt, da war sie gerade mal ein paar Monate. Das war schon krass, wie man sich dann nur noch um das Würmchen kümmert, nicht mehr so sehr um sich selbst.
Kann mich noch gut an die erste Nacht erinnern, wo ich meiner Freundin ein wenig Arbeit abnehmen wollte und mit der Püppi die halbe Nacht durch den Flur gelaufen bin, sie gefüttert habe und versucht habe, sie zum Schlafen zu bringen.
Außerdem bin ich Erzieherin, hab auch täglich 8 Stunden 15 Kinder in meiner Obhut und musste schnell lernen, dass man immer einen Plan B haben muss, weil man die Launen der Kinder ebend nicht vorplanen kann.

Ich kann Kloe ein wenig verstehen, bin da aber eher auf Seiten der Mütter, denn Kinder sind keine Roboter, die man programmieren kann. Man kann sie nicht an sein Leben anpassen, sondern muss sich an das Leben des Kindes anpassen.
Du hast es wirklich super getroffen!

XO Samy

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Ich persönlich finde es (als Mutter eines vierjährigen und einer einjährigen) dennoch voll wichtig dass die Kinder dann irgendwann mit 3 oder 4 Jahren spätestens auch merken, dass Mama grad mal etwas länger telefonieren möchte, einen Satz mit der Freundin zu Ende sprechen möchte ohne dass das dann schon etwas „große“ Kind (ständig) dazwischen plappert usw. Ich kenne Mütter, die haben offenbar dieses Bedürfnis nach mal wieder etwas Zeit oder ein ungestörtes Gespräch für sich offenbar nicht… Aber was lernen die Kinder dann fürs Leben später? Dass immer jemand SOFORT für Sie da ist? Das ist doch auch nicht die Realität – weder in der KiTa, noch in der Schule oder im Spiel mit Freunden. Als Baby und Kleinkind ist das natürlich noch nicht dran, da sollten die Mamas – und auch Papas – da sein 😊

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[…] „Das Kind muss sich anpassen“ hatte die liebe Alicja von Wiktorias Life aus ihrem Umfeld zu hören bekommen. Ihre ganz eigene Meinung und Gedankengänge zu dieser Phrase hat sie in einem Brief niedergeschrieben. Und sie schreibt das so wunderbar, dass alle (Noch-)Nicht-Mamas ihn lesen sollten. […]

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Ich bin einfach nur begeistert – genau so ist es! 😂 Du sprichst mir aus der Seele …

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