[Rezension] Die Mutterglück-Lüge – von Sarah Fischer

Das Thema Regretting Motherhood beschäftigt mich schon eine Weile. Nachdem ich bereits die originale Studie von Orna Donath gelesen und rezensiert habe, habe ich mich nun mit dem Buch „Die Mutterglück-Lüge“ von Sarah Fischer zum Thema befasst.

Die Mütterglück-LügeWorum geht es:

Sarah Fischer ist mit Anfang 40 verhältnismäßig spät Mutter geworden. Davor war die freiberuliche Autorin viel zu sehr damit beschäftigt, auf Reisen zu gehen und anschließend darüber Vorträge zu halten. Ein Lifestyle, den sie sehr geliebt hat. Als sie mit Emma schwanger wurde, war sie überzeugt davon, dass ihr Leben – mit einigen wenigen Einschränkungen – so weiter gehen könnte, wie bisher. Doch dann holte sie die Realität ein. Sie muss feststellen, dass auch ein sehr pflegeleichtes Baby wie Emma das Leben komplett auf den Kopf stellt.

So kann Sarah Fischer zwar am Anfang noch ihre im Vorfeld vorbereiteten Vorträge halten, während Emma neben der Bühne schläft. Doch sobald es darum geht, dass sie neue Vorträge vorbereiten muss – und damit auch zum Teil verreisen muss – geht ihre Illusion in die Brüche.

An ihrer Rolle als Haufrau und Fast-Vollzeit-Mutter verzweifelt sie. Auf den Spielplätzen sieht sie nur noch Übermuttis, die sich nur noch über ihre Kinder definieren. Arbeitende Mütter dagegen trifft sie kaum an – sei es, weil es diese nicht gibt oder sie eben arbeiten. Erst die Beauftragung einer Tagesmutter verschafft Sarah Fischer etwas Luft in ihrem Leben. So kann sie mehr arbeiten. Etwas, was sie braucht und sehr genießt. Die Freitage, an denen Emma nicht zur Tagesmutter kann, bezeichnet sie als „schwarze Freitage“.

Auch ihre Ehe leidet unter der Situation. Gatte Alexander kann die Sorgen und Gedanken seiner Frau nicht nachvollziehen. Und irgendwann muss sich Sarah Fischer eingestehen, dass sie der Mutterglück-Lüge aufgelaufen ist und dass sie es bereut, Mutter geworden zu sein.

Meine Meinung:

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie naiv Sarah Fischer eigentlich war? Auf der einen Seite stellt sie sich als starke, unabhängige Frau dar, die so schnell nichts umhaut. Auf der anderen Seite bricht sie unter der Belastung der Mutterschaft zusammen.

Dass ein Leben mit Kleinkindern sehr anspruchsvoll ist, weiß jeder, der ein Kind in dem Alter hat. Dass Sarah Fischer aber wirklich geglaubt hat, sie müsste nahezu nichts in ihrem Leben ändern, kann ich nicht nachvollziehen. Klar, wir hatten alle unsere rosanen Brillen in der Schwangerschaft auf und mussten schon bald feststellen, dass nicht immer alles wunderschön sondern auch mal sehr anstrengend ist. Aber zu glauben, es könne alles so weitergehen?

Das große Problem Fischers ist, dass sie ihre Unabhängigkeit aufgeben musste. Erst ihre persönliche, dann die berufliche und schließlich die finanzielle. Sie war es gewohnt, frei zu reisen, frei zu arbeiten. Hat mit ihrem Partner alles halbe / halbe gezahlt. Nach einer gewissen Zeit musste sie sich eingestehen, dass sie dies nicht mehr konnte und zerbrach daran fast. Dass sie mit der vollkommen falschen Erwartungshaltung herangegangen ist, sieht Sarah Fischer in meinen Augen nicht. Eher quält sie sich mit den unliebsamen Konsequenzen der Mutterschaft herum.

Sie versucht, anders zu arbeiten. Sie versucht, Mütter auf dem Spielplatz kennenzulernen. Doch auch hier geht sie völlig unrealistisch an die Sache heran. Sie sieht das alles stets als Opfer, selten als Chance. Sie verurteilt die Spielplatz-Mütter als Glucken, die ihre Kinder als Statussymbole zum Vergleichen sehen, weil diese in ihren Augen nichts anderes mehr vorzuweisen hätten. Und sieht die mit den Frauen verbrauchte Zeit damit als Zeitverschwendung für sich an. Das Urteil diesen Frauen gegenüber finde ich unverhältnismäßig hart. Dass es Frauen gibt, die in ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle aufgehen und vielleicht sogar glücklich sind, nimmt sie nicht zur Kenntnis. Für sie sind es Frauen, die sie verurteilt und mit denen sie nichts anfangen kann.

Immer wieder streut Sarah Fischer in ihrem Buch gesellschaftliche Kritikpunkte ein. Hier kann man ihr in allen Aspekten recht geben, denn in der Tat gibt es in Deutschland so einige Defizite hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese Anmerkungen tun dem Buch gut und sind wichtig, denn sie regen zum nachdenken an.

Am Ende stellt Sarah Fischer die Mutterschaft als schlimmer dar, als sie wirklich ist. Auch ich hadere oft mit der Rolle als Mutter und Haufrau – ein Sprechrohr ist Sarah Fischer für mich deswegen aber nicht. Obwohl ich ihre Zielgruppe sein könnte, erreicht sie mich nicht. Denn im Gegensatz zu ihr traue ich mich, auch einfach nur glücklich zu sein.

Zum Stil:

Das Buch ist in einem mitreissenden Stil geschrieben, der stets Lust zum Weiterlesen macht. Die Wortwahl ist locker angenehm, dadurch liest sich „Die Mutterglück-Lüge“ einfach und schnell. Leider gibt es öfters vorkommend Wiederholungen, die für unnötige Längen sorgen. Den Gesamteindruck stört es aber nur marginal.

Was tatsächlich etwas nervt, ist Sarah Fischers Selbstbeweihräucherung. Dass sie eine starke und unabhänginge Frau ist bzw. war, stellt sie ziemlich am Anfang des Buches klar. Und irgendwann hat es auch der letzte Leser begriffen, dass es schon ganz schön toll ist, fließend mongolisch zu können und in fast jedem Land der Welt gewesen zu sein. Was zu Beginn der Lektüre durchaus noch beeindruckend ist, wurde mit fortlaufender Erwähnung einfach nur noch lästig.

Fazit zur „Mutterglück-Lüge“

Das Buch spricht ein wichtiges Thema an. Man darf die Mutterschaft als anstrengend empfinden. Man darf sich auch fragen, warum man sich seine eigenen Kinder überhaupt angetan hat. Der Aufschrei zu Beginn der Regretting Motherhood Debatte war sehr groß. Das zeigt nur, dass wir noch mehr darüber reden müssen, was es wirklich heißt, Mutter zu werden. Und dass es in Ordnung ist, darüber reden zu wollen, ohne gleich verurteilt zu werden. Das Verzweifeln an der eigenen Rolle hat nämlch selten etwas mit der Liebe zum Kind oder der eigenen Qualität als Mutter zu tun. Doch genau das wird viel zu oft angenommen.

Dennoch, mit der Studie „Regretting Motherhood“ von Orna Donath das Sarah Fischers Buch insgesamt zu wenig zu tun. Hier hat die Autorin in meinen Augen den Hype mitgenommen. Es sei ihr aber dahingehend verziehen, da sie Missstände anspricht, die in Deutschland vorherrschen. Das Label „Regretting Motherhood“ will aber nicht so richtig passen.

„Die Mutterglück-Lüge“ ist eher für Frauen, die bereits Mütter sind. Leicht beeinflussbare Frauen, die noch keine Kinder haben, könnten tatsächlich abgeschreckt werden. Und das wäre sehr schade, denn seien wir mal ehrlich: ganz so schlimm ist es dann auch wieder nicht.

Ich bedanke mich bei Randomhouse für das kostenlose Rezensionsexemplar.

 

 

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