Wiktoria's Life

Genießt es. Es ist das Einzige was ihr tun könnt

Ihr Lieben,

eigentlich wollte ich nur noch flix den Laptop herunterfahren und mich dann mit einem Buch ins Bett kuscheln. Aber irgendwie hat mich die Atmosphäre des dunklen Esszimmers kurz gefangen gehalten und ich habe beschlossen, diesen Moment zu nutzen um ein paar Gedanken niederzuschreiben.

Was Freitag Nacht in Paris los war muss ich Euch nicht erzählen. Die Bilder haben uns alle im unserem Innersten erschüttert. Zwei Tage fand ich keine Worte für meine Gefühle und meine Gedanken. Ich bin mir noch nicht einmal sicher ob ich jetzt die richtigen Worte finden werde.

Aber eigentlich will ich gar nichts über Paris schreiben. Alles was dazu gesagt werden muss wurde bereits gesagt. Und im Entsetzen und in der Trauer sind wir eh alle eins. Ich hoffe, ihr vertragt ein bisschen Pathos, denn ohne wird es jetzt nicht gehen.

Es geht um die Vergänglichkeit der Zeit, der Vergänglichkeit unserer Selbst. Paris hat mir einmal mehr vor Augen geführt dass wir keine Garantie für das Morgen haben. Die Besucher des Konzertes haben ihre Lieben verabschiedet, vielleicht waren sie am Samstag zum gemeinsamen Frühstück verabredet oder abends ins Kino. Das sollte nie geschehen.

Wisst ihr ob ihr morgen zuverlässig auf Arbeit ankommt? Eure Familie am Abend wieder begrüßen dürft? Höchstwahrscheinlich schon, aber wissen tun wir es nicht.

Zum ersten Mal habe ich dieses Gefühl ganz stark gespürt als ich am 13. Oktober 2011 einen schweren Autounfall hatte den ich wie durch ein Wunder überlebt habe. Die Feuerwehr hatte damals nicht mit Überlebenden gerechnet, als sie zu meinem Unfallort hinkam. Mir ist bis auf ein paar Rippenprellungen und Schnittwunden im Gesicht und an den Händen nichts passiert. Den Autounfall habe ich selbst verschuldet, aber das nur als Randnotiz. Ich war auf dem Weg in die Arbeit, in die ich aber 4 Wochen lang nicht mehr gehen sollte.

Ich war lächerliche 3 Tage im Krankenhaus. In diesen 3 Tagen habe ich viel nachgedacht. Was wäre wenn es nicht so ausgegangen wäre? Wenn es ganz anders gekommen wäre? Ich hätte nie geheiratet, nie Kinder bekommen. Und noch einige andere Dinge im Leben, die mir immer wichtig waren.

Im Juni 2012 haben mein Mann und ich dann geheiratet. Mein Autounfall hat mich eines gelehrt: nicht mehr auf irgendwann zu warten. Da ich nicht weiß ob es das irgendwann einmal gibt. Sofern meine Wünsche, Träume und Hoffnungen zu realisieren sind, realsiere ich sie JETZT. Das mag pathetisch klingen und wahrscheinlich ist es das auch. Aber genau das habe ich aus meinem Unfall gelernt.

Dieses Jahr ist übrigends zum ersten Mal der 13. Oktober gekommen und gegangen ohne dass ich an den Unfall gedacht habe. Den vierten „Jahrestag“ habe ich vergessen. Das ist gut für mich. Weil ich den Dämon somit losgeworden bin. Aber was ich daraus gezogen habe wird mich mein Leben lang begleiten.

Mein Brautstrauß

Seitdem genieße ich viel mehr. Ich habe jede Minute meiner Hochzeit so intensiv genossen wie selten etwas in meinem Leben. Ich wollte jede Sekunde in mir aufsaugen und mich an jedes Detail erinnern. Ich wusste, dass dieser Tag so schnell vorbei gehen würde. Ist er auch, heute sind wir über 3,5 Jahre verheiratet. Und doch: ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Ich erinnere mich an den Geschmack des Essens, an die tanzenden Gesichter, an die Tränen bei der freien Trauung. Ich meine mich an ALLES zu erinnern. Das gleiche gilt für die Geburt meiner Tochter. Auch wenn sie per Kaiserschnitt kam und ich gerade die ersten drei Tage echt zu kämpfen hatte (mit meinem Körper, meiner Seele, diesen vielen Hormonen und allem was dazu gehört). Seit ich das erste Mal das Schreien meines Mädchens gehört habe bin ich ein wandelndes Aufnahmegerät. Meine Tochter wird demnächst 1 Jahr alt – wo ist dieses Jahr geblieben? In meinem Herzen und auf unzähligen Fotos ist es geblieben (ein Hoch auf die Generation Smartphone, wirklich!).

Ich bin sicherlich keine Romantikerin fernab jeder Realität. Mir ist völlig klar, dass nicht immer alles geht. Dass man auf bestimmte Dinge eben doch warten muss, auch wenn es noch so wichtig ist. Aber: sobald es möglich ist seine Wünsche und Träume in die Tat umzusetzen sollte man dies tun. Nicht „wenn der richtige Zeitpunkt“ kommt. Denn er kommt sehr oft einfach nie. Und weil das Warten auf den richtigen Zeitpunkt nicht selten eine Ausrede der Angst ist.
Ich sage auch nicht, dass man sein Leben bedienungslos zu genießen hat. Ich selbst hatte in meinem Leben mehrere schwere Episoden, da wären Texte wie dieser hier der pure Hohn und Spott für meine Seele gewesen. Auch die Mutterschaft ist manchmal so sakrisch anstrengend dass man nicht mehr weiter weiß. Das Leben ist manchmal hart. Und manchmal fliegt uns die ganze Chose mit einem lauten Knall um die Ohren. Genießen kann man das nicht. Aber jede gute Zeit, die nicht von einer Krise geprägt ist, jeder schöne Moment in dem man sicht nicht ärgert – diese Momente sind unsere Energiespeicher. Sie helfen uns durch die harte Zeit hindurch. Machen es erträglicher. Und erinnern uns vielleicht auch daran dass es Menschen und Dinge gibt für die es sich lohnt zu kämpfen.

Und genau das ist es. Mehr können wir nicht tun als das hier und jetzt einfach zu genießen. Das Beste draus zu machen. Manchmal ist die ganze Sache ein Kampf. Aber auch er ist es wert gekämpft zu werden.

Ich hatte Pathos angekündigt. Ist es pathetisch geworden? Ein klein wenig. Ich hatte Euch ja gewarnt.

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