Im Gespräch mit … einer Pflegemutter

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Manchmal frage ich mich, ob es noch wirklich Happy Ends auf der Welt gibt. Schaue ich mir die Nachrichten an, möchte ich zeitweise daran verzweifeln. Beruft man sich nur auf die Medien, müsste man meinen, mit der Welt geht es dahin – und mit ihr auch mit den Kindern.

Aus diesem Grund begrüße ich Euch zu meiner neuen „Happy End“ Reihe. Ich lasse Familien zu Wort kommen, die ihr persönliches Happy End erlebt haben. Ich werde Euch über die Situation der Kinder in Deutschland berichten und spannende Geschichten erzählen.

Im Gespräch mit … einer Pflegemutter

Den Anfang macht Pflegemutter Tatjana*. Sie und ihr Mann Andreas haben einen leiblichen Sohn, Max. Sie bekamen Zwillige, die leider beide zu früh starben. Tatjana und Andreas hatten aber noch viel Liebe zu geben – und entschieden sich, ein Pflegekind aufzunehmen.

Liebe Tatjana, danke für Deine Zeit.
Ihr habt zwei Kinder: Euer leiblichen Sohn Max, der im Grundschulalter ist, und Julia, eine zweijährige Pflegetochter. Warum habt ihr Euch überhaupt für ein Pflegekind entschieden?

Als unser Sohn 4 Jahre alt war, bekamen wir nochmals Nachwuchs, es waren Zwillinge. Leider kamen die beiden viel zu früh, in der 23+3 SSW. Unser Sohn Henrik wachte mit 3 Monaten nach einer OP nicht mehr aus der Narkose auf. Sein Bruder Ben starb nach 9 Monaten, da sein Herz und seine Lunge zu geschädigt waren.

Nach dieser Schwangerschaft durfte ich keine weiteren leiblichen Kinder mehr bekommen. Da mein Mann und ich nach einiger Trauerzeit wieder einen Kinderwunsch hatten und auch unser großer Sohn sehr gerne noch ein Geschwisterchen wollte, meldeten wir uns beim Jugendamt zu einem Infogespräch für Adoption an. Dort sagte man uns allerdings, dass man mit leiblichem Kind etliche Jahre auf ein Adoptivkind wartet, aber wir könnten uns ohne Probleme als Pflegeeltern bewerben. Dies taten wir dann auch und nach einem halben Jahr waren wir dann anerkannte Pflegeeltern und warteten auf ein Kind.

Wie wird man zu einer Pflegefamilie? An wen muss man sich wenden?

Man muss sich ans zuständige Jugendamt wenden. Es sind einige Gespräche und Hausbesuche erforderlich, man muss einen ausführlichen Lebenslauf schreiben, Führungszeugnis und ärztliches Attest abgeben, einen mehrseitigen Fragebogen ausfüllen und ein mehrtägiges Bewerberseminar besuchen. Wenn alles passt wird man als Pflegefamilie anerkannt und wartet ab diesem Zeitpunkt auf DEN Anruf…

In wie weit hat mein Einfluss auf das Kind, das man dann bekommt? Kann man Kriterien angeben? Alter, Geschlecht, etc.?

Man kann im Fragebogen genau ankreuzen was man möchte bzw ablehnt. Also Geschlecht, Herkunft und ob man auch Kinder mit Behinderung aufnehmen würde.

Wer hat in dieser Konstellation welche Rechte? Was dürft ihr alleine entscheiden? Wofür braucht es Rücksprache mit dem Jugendamt oder sogar mit den leiblichen Eltern?

In unserem Fall hat das Jugendamt das Aufenthaltsbestimmungsrecht und die Gesundheitsfürsorge. Wir haben die Alltagssorge. Die leiblichen Eltern dürfen über religiöse Dinge entscheiden, z.B. Taufe.

Wenn wir ins Ausland wollen brauchen wir vom Jugendamt eine Reisevollmacht. Innerhalb Deutschlands dürfen wir aber überall hin reisen.

Bei speziellen ärztlichen Untersuchungen / Impfungen entscheidet auch das Jugendamt bzw. wir besprechen es gemeinsam.

Habt ihr einen festen Ansprechpartner für Probleme?

Ja, wir haben eine Sachbearbeiterin und Julia hat einen Vormund.

Wie ist normalerweise der Umgang mit den leiblichen Eltern? Wie ist er bei Euch?

Der Umgang ist bei Dauerpflege normalerweise einmal Mal im Monat. So ist es bei uns auch geregelt.

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Danke für die ganzen theoretischen Antworten. Gerne würde ich noch mehr über Euch als Familie erfahren.
Merkt ihr Unterschiede in der Bindung zu den Kindern oder ist Eure Pflegetochter im Herzen genauso Eure Tochter wie Euer leiblicher Sohn?

Wir lieben unsere Pflegetochter genauso wie unseren leiblichen Sohn. Wir machen keine Unterschiede. Allerdings lebt unsere Julia auch seit Geburt bei uns.

Erzieht ihr Julia nach den gleichen Maßstäben wie Max? Oder ist die Herausforderung doch eine andere?

Bei der Erziehung machen wir keine Unterschiede.

Habt ihr Sorge, dass die leiblichen Eltern eines Tages ihr Kind zurück wollen? Wie geht man mit dieser Angst um?

Es ist eigentlich sicher, dass Julia bei uns bleibt. Natürlich kommt immer mal dieser Gedanke auf. Aber man versucht ihn zu verdrängen.

Wie wird es denn nach dem 18. Geburtstag weitergehen? Muss sie ausziehen oder kann sie bei Euch bleiben, wenn sie will? Wer ist ihr unterhaltspflichtig, wenn sie noch in der Ausbildung ist?

Sie kann bei uns bleiben, solange wir das wollen. Allerdings endet ab dem 18. Lebensjahr die Zuständigkeit des Jugendamtes soweit ich weiß.

[Anmerkung: Tatjana hat recht. Grundsätzlich endet die Zuständigkeit mit der Volljährigkeit. Das Jugendamt ist aber weiterhin unterhaltspflichtig, bis das Pflegekind sein Leben eigenverantwortlich führen kann. Lag, wie in Tatjanas Fall, die Dauerpflege vor, bleiben die Pflegekinder in der Regel weiterhin in ihrer Pflegefamilie, obwohl die offizielle Verantwortung der Eltern an dieser Stelle endet. Oftmals versuchen sich die Jugendämter vor weiteren Zahlungen zu drücken und drängen die jungen Erwachsenen in die Sozialhilfe. Das ändert aber nichts am Rechtsanspruch gegenüber den Jugendämtern. Weiterführende Informationen sind hier zu finden: Rechtsansprüche für volljährige Pflegekinder]

Wann und wie wollt ihr ihr denn erklären, dass ihr nicht die biologischen Eltern seid? Bzw. habt ihr Euch Gedanken darum gemacht, wie ihr Julia ihre eigene Lebensgeschichte erklärt?

Spätestens wenn ihrerseits Fragen rund um Babys kommen, werden wir ihr erklären dass wir nicht ihre leiblichen Eltern sind.

Gibt es etwas, was Du einem Paar raten würdest, das mit dem Gedanken spielt, Pflegeeltern zu werden?

Sie sollten immer dazu stehen was sie sich vorstellen können und was nicht. Es kann durchaus auch ein Kindervorschlag kommen der nicht der Vorstellung entspricht. Dann sollte man auf seinen Bauch hören und wenn man nicht sicher ist lieber absagen.

Liebe Tatjana, ich danke Dir von Herzen, dass Du Deine emotionale Geschichte mit uns geteilt hast..

 

*Tatjana hat sich bereit erklärt, ihre Geschichte zu erzählen, wenn ich ihre Anonymität gewährleiste. Diesem Wunsch gehe ich selbstverständlich nach. Aus diesem Grund sind alle Namen geändert.


Tatjana kenne ich seit 11 Jahren. Sie ist eine liebe Freundin von mir. Ich erlebte damals aus der Ferne, wie sie mit Henrik und Ben schwanger wurde und musste zusehen, wie die gesamte Familie nach dem Tod der Söhne gelitten hat. Julia war der Wendepunkt. Ihre Söhne tragen sie stets im Herzen, aber dank Julia haben Tatjana, Andreas und auch Max das Lächeln wieder erlernt.

 

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