Wiktoria's Life

Warum ich als Humanistin Weihnachten feiere

 

In den letzten Tagen und Wochen wurde mir immer wieder die gleiche Frage gestellt:

Warum feiert ihr Weihnachten
wenn ihr doch nicht an Gott glaubt?

Die kurze Antwort darauf ist: Weil wir es mögen. Doch weil sich damit die meisten Fragenden nicht zufrieden geben kommt hier die lange Antwort.

Nun ja, wir sind Atheisten. Wir glauben an genau einen Gott weniger als die meisten von Euch. Unser Mädchen ist nicht getauft. Meinem Mann reicht das. Ich jedoch habe weiter nach meiner Schublade gesucht, „nichts“ zu sein war irgendwie… komisch. Und dann fand ich den Humanismus. Meine Art zu Denken bekam einen Namen. Und eine große Gemeinschaft. Meine Schublade war gefunden und ich sie passt mir wie angegossen: ich bin Humanistin.

Aber wie kann ich Weihnachten feiern? Das zweithöchste christliche Fest, unveränderbar verknüpft mit der Geburt Jesu?

Im Grunde ist es doch ganz einfach: mein Mann (evangelisch aufgewachsen und ausgetreten) und ich (katholisch aufgewachsen und ausgetreten) haben unser Leben in einer Kultur verbracht in der Weihnachten eben eine große Sache ist. Es gehört zu unseren Leben dazu wie die Selbstverständlichkeit unsere Geburtstage zu feiern. Es ist eine Tradition in unserem Leben wenn uns auch der offizielle Hintergrund heute nichts mehr bedeutet.

Während der Schwangerschaft haben wir viel darüber gesprochen wie wir Weihnachten feiern können ohne Krippe, Kirche und die Geschichte rund um Jesus. In dem wir es als Familienfest statuiert haben konnten wir dem Fest eine alte neue Bedeutung geben. Unsere Bedeutung. Weihnachten ist für uns die Zeit der Besinnung, des zur Ruhe kommens. Die Zeit in der man sich wieder bewusst Zeit füreinander nimmt. Verwandte besuchen einander, die Gemeinsamkeit bekommt mehr Raum. Man erfreut sich aneinander. Das eint Christen und Atheisten in ihrem Handeln. Warum also sollten Atheisten auf diese große Gemeinsamkeit verzichten?  Nun, weil es eben das Fest der Christen ist.

Stimmt. Und stimmt auch wieder nicht. Hier muss ich kurz tiefer gehen. Da der genaue Geburtstag Jesu Christi nicht bekannt ist wurde im alten Rom im 4. Jahrhundert der Tag auf den 25. Dezember gesetzt, dem ursprünglichen Fest des unbesiegten Sonnengottes. In der biblischen Geschichte steht, ein Stern sei über Bethlehem aufgegangen. Hier wurde das heidnische Symbol des Sonnengottes mit der christlichen Geschichte zusammengeführt. (Quelle: Dr. Dr. Kahl, siehe Quellen). Ursprünglich wurde die Rückkehr der Sonne gefeiert (Wintersonnenwend, die Tage werden wieder länger, die Nächte kürzer). Ich habe auch Texte zum Thema gelesen die besagen dass das Römische Reich die heidnischen Feste mit der Besetzung eben des gleichen Datums mit der Geburt Jesu Christi zurückdrängen bzw. damit ersetzen wollten. Ob wahr oder nicht, es ist ihnen gelungen. Heute denkt kaum einer noch an Wintersonnwend oder an einen Sonnengott – heute ist Weihnachten selbstverständlich das Fest rund um die Geburt Jesu Christi.

Natürlich sind wir nicht im 4. Jahrhundert stecken geblieben, die Welt hat sich weitergedreht und weiterentwickelt. Dennoch erlaube ich mir als Atheistin in diesem Kontext darauf hinzuweisen dass Weihnachten eben NICHT ein rein christliches Fest ist – warum sollte ich dann als Nicht-Christin darauf verzichten? Die Zeit am Ende des Jahres kann man noch mit viel mehr Sinn füllen als nur dem biblischen Hintergrund.

Das Ende des Jahres wird oftmals für einen Jahresrückblick genutzt. Auch ich mache dies alljährlich seit meinen Teenager-Tagen. Es besinnt uns auf das Wesentliche des fast vergangenen Jahres und gibt uns bewusst Raum für Ideen und Inspirationen für die kommenden Monate. Die Adventszeit ist wie ein vorgebebenes Stop-Schild im Jahr.

Leider steht dem der bereits entstandene Konsumterror entgegen. Überall Geschenke und überall Stress. Ich gebe zu, dass auch ich dem verfallen bin. Was sicherlich auch daran liegt dass bis auf 3 Personen (inklusive mir) alle Familienmitglieder zwischen November und Januar Geburtstag haben. Das bedeutet doppelte Ideen, doppelter Stress und doppelte finanzielle Belastung (ich bin trotz allem nicht der Typ der im August schon halb fertig ist…). Ich nehme mir Jahr für Jahr vor mich dem zu entziehen und letztes Jahr hat es auch – immerhin bei einem Teil der Familie, wir haben nämlich gewichtelt – sehr gut geklappt. Überhaupt: Geschenke. Ja, ich schenke gerne und selbstverständlich bekomme ich auch gerne Geschenke. Aber: für mich würde das Fest der Familie und der Liebe kein bisschen an Bedeutung verlieren würden die Geschenke komplett abgeschafft werden. Sie sind ein Nebeneffekt für mich. Mir sind die Menschen wichtig die ich an diesen Tagen sehe. Vor allem jene, die ich sonst kaum sehe (meine Schwester wohnt 200 km entfernt, die Schwester meines Mannes über 300 km). Die Familie zu sehen, sie in den Arm zu nehmen – das alles bedeutet mir mehr als jedes Geschenk der Welt.

Und damit schließt sich der Kreis. Weihnachten ist für mich ein Fest der Liebe, der Familie. Die von der Gesellschaft vorgegebene Tradition nehme ich dankend an, bietet sie mir doch die Gelegenheit endlich mal alle sehen zu „müssen“ (wie oft nehmen wir uns vor die Großeltern zu besuchen und verschieben es Woche um Woche. Weihnachten „müssen“ wir hin. Und ich bin dankbar für diese Art von „Zwang“).

Noch etwas: ich wurde ebenfalls gefragt ob bei uns demnach der Weihnachtsmann anstatt des Christikindes käme. Weder noch. Unsere Kinder dürfen ruhig wissen dass die Geschenke von uns sind. Den Zauber von Weihnachten wird es unserer Meinung nach nicht mindern. Die Lichter, die Musik, die Atmosphäre – die bleibt doch auch erhalten, wenn man nicht davon ausgeht dass den Part mit den Geschenken eine fiktive geheimnissvolle Gestalt überimmt. Wir Erwachsenen glauben doch auch nicht mehr an den geschenkebringenden Weihnachtsmann oder das geschenkebringende Christkind – und trotzdem empfinden die Meisten von uns Weihnachten als etwas Zauberhaftes. Und genau diesen Zauber wollen wir unserer Tochter und den späteren Kindern mitgeben – auch als Humanisten. Und Atheisten.

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Lesern einen ganz zauberhaften, ruhigen, besinnlichen Advent. Ich wünsche jedem von Euch dass sich aufgehoben fühlt – im Kreise seiner Liebsten. Genießt das Weihnachtsfest so wie ihr es für Euch als richtig und wichtig empfindet. Mit Gott oder ohne. Denn der Kern von Weihnachten ist in Euren Herzen.

Eure Wiktoria

Diesen Text habe ich – neben dem persönlichen Thema – auch für die Blogparade „Adventsgeschichten“ von Nanda von http://www.nandalicios.blogspot.de/ geschrieben. Die nächsten Tage schreiben noch folgende Damen etwas zum Thema:
am 19.12.2015 wird Nicole von www.goldkindchen.blogspot.com zu einem Überraschungsthema schreiben.
am 20.12.2015 wird Sara von http://www.seitenglanz.blogspot.de/ zum Thema „Weihnachtsstimmung“ bloggen.
am 24.12.2015 wird Nanda selbst zum Thema „Adventsgefühle“ einen Beitrag verfassen.

Ich freue mich sehr wenn ihr bei den anderen Teilnehmerinnen der Blogparade vorbeischaut.

Quellen:
Sebastian Bartoschek, veröffentlicht am 12. Dezember 2011
Weihnachten für Humanisten

Dr. Dr. Joachim Kahl, veröffentlicht im April 2012
Weihnachten – ein Ja zum Fest aus säkular-humanistischer Sicht

2 Comments

[…] Atheismus / Humanismus an Weihnachten unter einen Hut bekommen, den lade ich zu diesem Artikel ein: Warum ich als Humanistin Weihnachten feiere ) Zurück zum Thema: Für uns ist Weihnachten auch das Fest der Familie. Wobei wir dazu ganz klar […]

Reply

Wir feiern Weihnachten auch aus Tradition und weniger aus dem Glauben heraus. Kann dich also gut verstehen.
LG Anke

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