Integration – von zwei Seiten betrachtet

Darf man als Immigrant trotzdem der bleiben, der man ist? Oder muss man sich bis hin zum Indentitätsverlust anpassen?

Es ist momentan in aller Munde, wie sich Ausländer und insbesondere Flüchtlinge anpassen und integrieren sollen. Deutsch sollen sie möglichst schnell lernen, die hier geltenden Gesetze akzeptieren. Sich eine zweite – deutsche – Haut überziehen.

Dem allen stimme ich bedinungslos zu. Wer in Deutschland leben will, muss der deutschen Sprache mächtig sein und die deutschen Spielregeln akzeptieren.

Ein Gespräch mit einer Freundin hat mir aber vor Augen geführt, dass Integration nicht alles ist. Integration ist ein Konzept, dass mehr eine Medaille ist, eine Medaille mit zwei Seiten.

Wer bin ich? Wo komme ich her?

Ich bin Polin. Als ich drei Monate alt war, zogen meine Eltern nach Deutschland. Wir haben zu Hause nur polnisch gesprochen. Ich kam in den Kindergarten und sprach kein Wort deutsch. Das hat meine Kindergartenzeit nicht unbedingt leicht gemacht, aber ich habe natürlich die Sprache gelernt. Relativ schnell und relativ gut. Heute kann ich Deutsch entschieden besser als polnisch. Leider.

Meine Eltern haben sich früh um die Förderung der polnischen Sprache bemüht. Meine Schwester und ich wurden jeden zweiten Samstag um 5 Uhr morgens geweckt und nach Nürnberg geschickt. Immerhin 150 km entfernt. Dort gab es eine polnische Schule. Getragen vom Konsulat gab die polnischen Kindern in Deutschland die Möglichkeit, ihre Muttersprache zu lernen. Ich besuchte acht Klassen, lernte polnische Grammatik und Rechtschreibung, las polnische Schullektüren (die ich genauso gehasst habe wie die deutschen), lernte polnische Geschichte und machte am Ende den polnischen Hauptschulabschluss.

In den 90ern war das kein Thema. Meine Eltern wurden für ihr Enagement um die Wurzeln ihrer Kinder gelobt. Im Jahr 2016 kann ich mir diese Situation so schwer vorstellen.

Wie deutsch darf es denn werden?

Integration

Ich stelle mir Folgendes vor: türkische Eltern – oder syrische – schicken ihre Kinder in einen Unterricht, der sie über ihr Land und dessen Sprache unterrichtet. Würden diese Eltern gelobt werden? Oder würden sie geächtet werden, dass sie an einer echten Integration gar kein Interesse hätten?

Meine Eltern leben seit 30 Jahren in Deutschland, meine Geschwister wurden in Deutschland geboren. Wir haben alle keine sprachlichen Probleme (wenngleich meine Eltern ihren Akzent nie ablegen konnten, was aber nicht der Rede wert ist). Wir drei Kinder haben alle deutsche Schulabschlüsse und deutsche Berufsausbildungen. Und wir wissen alle, woher wir kommen. Wir sind einfach beides. Polen mit einem deutschen Leben. Deutsche mit polnischen Wurzeln. Who cares. Wir sind beides. Als ich im Oktober 2009 meinen Einbürgerungsbescheid bekam, hat sich mein Puzzle vervollständigt. Ich hatte ab sofort beide Staatsangehörigkeiten – und es fühlte sich genau richtig an. Meine beiden Geschwister haben inzwischen auch jeweils die Doppelte. Wir sind beides. Wir sind deshalb kein Beispiel für besonders gelungene Integration. Unsere Familie hat sich einfach darum bemüht, dass jede Seite ihre Daseinsberechtigung hatte.

Es ist kein „entweder-oder“

Zurück zu meiner Freundin, die mich zu diesem Text inspiriert hat. Wir haben das Gespräch erst vor einer halben Stunde via WhatsApp geführt. Es ging um eine türkische Kleinkindmama, die ihrem Sohn erstmal nur türkisch beibringen will weil er ja deutsch ohnehin lernen würde. Besagte Freundin empfand dies als Abschiebung der Verantwortung für die Sprache an die Erzieher. Schließlich müsse man doch deutsch lernen, wenn man in Deutschland lebe. Ich widersprach meiner Freundin. Meine Eltern haben mir niemals deutsch beigebracht und doch sitze ich hier und liebe die deutsche Sprache, verehre sie und arbeite mit ihr. Deutsch habe ich ganz von alleine gelernt. Im Alltag. Und polnisch bekam ich als extra Bonbon dazu.

Meine Tochter ist halb Polin, halb Deutsche. Ich habe kurz nach ihrer Geburt ihre Unterlagen im Warschauer Standesamt eingereicht und dafür gesorgt, dass sie beide Staatsbürgerschaften hat. Ich will, dass sie beides ist, genauso wie ich es bin. Aber mir ist klar, dass wir in Deutschland leben, der Papa ist Deutscher, die halbe Verwandschaft auch. Das ganze Leben ist deutsch. Ich möchte sie so gerne zweisprachig erziehen, aber es will mir nicht so recht gelingen. Weil der deutsche Teil in mir dennoch dominiert. Das Leben auf dieser Seite der Oder ist mein Alltag, meine Gedanken, meine Arbeit. Die Gegenwart. Auf der anderen Seite der Oder habe ich Familie, meine Wurzeln. Meine Eltern leben nur ein paar Kilometer entfernt und natürlich sprechen wir nur polnisch. Aber seien wir mal ehrlich: auch wenn ich beides bin und mich mit beiden Ländern identifiziere: ich bin schon sehr deutsch.

Nun ist meine Sorge, dass meine Tochter nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit polnisch lernt, wie ich es gelernt habe. Diese Sorge ist berechtigt. Ich selbst fördere es nicht ausreichend. Die Schuld liegt nur bei mir. Aber was ist, wenn sie ihre Verwandschaft in Polen nicht verstehen kann? Wenn meine Oma anruft und die kleine Maus nur versteht, aber nicht antworten kann? Und sie mir irgendwann in der Pubertät um die Ohren knallt, dass polnisch eh viel zu schwer ist und wegen den paar Leuten in Warschau, die sie alle Jubeljahre mal sieht die Mühe nicht wert ist? Wäre das nicht ein herber Verlust? Hätte ich als polnische Deutsche, als deutsche Polin nicht alles falsch gemacht, was ich in der Beziehung hätte falsch machen können?

Es ist nicht falsch, sich als ausländisch stämmige Eltern um den Erhalt der eigenen Kultur zu bemühen. Es ist nicht falsch, sich um die Sprache der Großeltern zu bemühen. Es ist nicht falsch, sich um die Geschichte und um die Traditionen zu sorgen.

Es wäre aber falsch, wenn dies schon alles wäre. Ausländer müssen deutsch lernen. Sie müssen die deutschen Gegebenheiten akzeptieren; dass Frauen im Bikini herumlaufen und dass das vollkommen okay ist. Dass es Gleichbehandlung gibt. Dass um 8 Uhr morgends die Kirchenglocken läuten.

Aber ihnen muss auch erlaubt sein, sie selbst zu bleiben. Integration kann nur gelingen, wenn man nicht versucht, die Immigranten zu verändern. Anpassen ja, aber es muss erlaubt sein, trotzdem Türke zu bleiben. Syrer zu bleiben. Der Mensch zu bleiben, der man war, bevor man die deutsche Grenze überschritten hat.
Darf man das?

Integration

2 Comments

Das eine funktioniert mit dem anderen.
Man bedenke die Chancen, die man als mehrsprachlich aufgezogenes Kind hat.
Warum das eine verteufeln und das andere hochstilisieren?
Kinder lernen doch viel schneller als wir Erwachsene.
Und warum soll man als Ausländer/Immigrant die eigene Sprache und Kultur verleugnen? Gut, man muss sich anpassen, aber es geht beides Hand in Hand.
Natürlich gibt es gute und schlechte Beispiele dafür. Aber die sind ja nicht auf D beschränkt.

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Sehr schön geschrieben! Mein Freund ist auch Pole und spricht seine Muttersprache kaum noch. Seine Großcousine gar nicht mehr, sie ist erst 10 und kann gar kein Polnisch, was ich beides sehr schade finde.
Was mir aber auch wieder sehr oft auffällt, dass rtotz meistens sehr gut gelungener Integration Polen doch unter sich bleiben. Außer meinem Freund kenne ich keinen Polen persönlich, der eine nicht-polnische Freundin oder Frau (bzw. das männliche Pendant dazu) hat. Viele sagen, sie finden Deutschland ganz toll, aber die deutschen Frauen eben nicht. Wir putzen ihnen nicht gerne genug und kochen zu schlecht. Gleiches gilt übrigens auch für viele andere Nationalitäten. Bei den Polen fällt es mir nur am meistena uf, weil ich davon am meisten kenne. Wobei ich den Eindruck habe, dass es für Deutsche in Deutschland größtenteils egal ist, woher Partner oder Partnerin kommen. Wie es Deutsche im Ausland sehen, weiß ich aber nicht, vielleicht sind sie da ganz genau so und bleioben lieber „unter ihresgleichen“? Trotzdem sind sie alle integriert, weil sie deutsche Regeln und Gesetze und Tradionen respektieren, auch wenn es nicht die ihren sind und sie nicht alles mitmachen. Aber wie furchtbar wäre es, wenn es kein Makuwki mehr in Deutschland gäbe, weil alle POlen nur noch deutsches Essen kochen? (was ich übrigens gar nicht wirklich mag!).

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