Kommentar zu „Frau Lübke lässt sich gehen“ – Barbara Ausgabe November 2015

Barbara Schönerberger hat ihr eigenes Magazin herausgebracht. Neugierig wie ich bin habe ich mir natürlich die erste Ausgabe geholt und mein Kurzfazit lautet: Danke Barbara! Die Zeitschrift ist echt toll und ich werde sie gerne nochmal kaufen.

Ein Artikel ist allerdings drin zu dem ich das Bedürfnis habe meinen Senf abzugeben, nämlich zu „Frau Lübke lässt sich gehen“ auf Seite 66 / 67.

Worum geht es?

Frau Lübke ist alleinerziehend, freiberuflich, über 40 und Großstädterin. Sie hat ihr Leben richtig gut im Griff, hat für sich klare Regeln aufgestellt und befolgt diese ziemlich streng. Für „Barbara“ wirft sie mal alle ihre Prinzipien über Bord. Wir sind in der Magazin Sparte“Das Experiment“ gelandet.

Das ist der Autorin wichtig:
– Gesunde Ernährung (keine Fertiggerichte, keine IKEA Hotdogs, kein Schweinefleisch, keine Kohlenhydrate nach 16 Uhr)
– immer abschminken
– Kinder radeln immer mit Helm und Handy (für den Notfall)
– Wohnen in einer tollen Wohnung in einem schicken Stadtteil
– Gedatet werden nur angemessene, ältere Männer mit Hochschulstudium
– und noch mehr…

Soweit so beeindruckend. Die Frau zieht das ja auch wirklich durch. Hat ihr Leben im Griff, nichts haut sie um. Sie selbst empfindet diese Regeln gar nicht mehr als Druck weil sie ihr so in Fleisch und Blut übergangen sind.

Zu Beginn des Lesens dachte ich noch: WOW, so möchtest Du auch sein! So struktuiert, so klar, so … perfekt?

Aber dann berichtet die Autorin vom Experiment. Könnte sie sich vorstellen im Ernstfall Ratten oder eine Dose kalte Ravioli zu essen? – DER Vergleich ist echt hart, wie fixiert muss man sein um das auf eine Stufe zu stellen (abgesehen davon dass kalte Dosenravioli mitunter ganz schön lecker sein können, auch unschwanger 🙂 )? Sie geht zur IKEA und schafft es nicht einen Hot Dog zu essen, bekommt eine Panikattacke. Mal ganz abgesehen davon dass sie extra ihren Hausarzt gefragt hat ob dies schädlich wäre. Ab hier hat es mich beim Lesen langsam gegruselt. Aber hej, immerhin hat sie es geschafft abends im Restaurant Baguette zu essen! Was wäre das Leben nur ohne Mutproben!?!

Spätestens hier war mir klar: ich bleibe lieber so wie ich bin! Esse – wenn es mich danach gelüstet – auch mal Kohlenhydrate. Sogar nach 22 Uhr! Und ein Hot Dog in der IKEA ist und bleibt die Belohnung einer langen Odyssee durch all die Gänge nur um am Ende an der Kasse diesen doofen Pfannenwender und eine Packung Teelichter zu kaufen.

Mein Mann? Hat einen niedrigeren Schulabschluss als ich. Trotzdem ist er unheimlich intelligent und insgesamt weiser und besonnener als ich. Was hätte ich nur verpasst wenn ich bildungsgleiche Männer gedatet hätte? Meinen besten Freund, dem ich vor 3 Jahren das Ja-Wort gegeben habe hätte ich so nicht kennengelernt.

Zurück zur Frau Lübke. Sie gibt selbst zu, dass man doch einiges an Spaß verpasst wenn man nicht bereit ist hin und wieder die Regeln zu brechen. (Oder neu zu definieren, aber das sage ich, nicht sie). Eine ihr verhasste Kreuzfahrt war dann doch ganz nett. Ein Wochenende auf der Couch ist also auch super entspannend? Es muss nicht immer das Kulturprogramm sein?

Nein, bevor ich mir über solche Dinge den Kopf zerbreche überlege ich es mir nochmal anders mit der Bewunderung für dieses klar strukturierte Leben. Ich bleibe lieber wie ich bin. Mit einem Grundgerüst an Werten und Vorstellungen, die aber durchaus jeden Tag flexibel angepasst werden können. Und das was letztes Jahr – ach quatsch, letzte Woche! – als richtig galt kann heute überholt sein. Ich gehe ins Museum und ins Theater wenn ich das Bedürfnis danach habe (was öfters im Jahr vorkommt). Ich ernähre mich gesund, gönne mir aber nach einem harten Tag diese leckere, fettige, duftende Pizza von meinem Lieblingsitaliener. Mit einem Bier dazu. Ich gehe jeden Tag mit Mini-W. raus. Wenn ich aber heute keine Lust habe – dann dreht sich die Welt weiter. Und ich habe noch nicht mal ein schlechtes Gewissen deswegen.

Mir ist Leichtigkeit wichtiger als strenge Regeln. Ein Hot Dog kann den ganzen Tag verändern. Und manchmal, hin und wieder, kann auch was richtig Tolles dabei herauskommen wenn man es mal ganz anders macht. Was spannendes. Neues. Aufregendes.

Welche Regel brecht ihr heute?

Ich gönne mir vielleicht heute ein Eis am See. Trotz 2 Grad. Trotz Diät.

Und Frau Lübke? Sie hat ihr Trauma vor Hot Dogs am Schluss des Artikels übrigens nicht überwunden.

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