Wiktoria's Life

Roadtrip nach Budapest

Durch unsere vielen Radurlaube habe ich so einige Abenteuer erlebt… Aber wenn ich mich festlegen müsste welches das Verrückteste von allen war, dann war es dieses hier. Im Frühling 2013 habe ich mich alleine von Esztergom in Ungarn bzw. Štúrovo in der Slowakei alleine nach Budapest durchgeschlagen… Doch eines nach dem anderen.

Ich erzähle Euch diese Geschichte weil Jo von Work & Travel und Backpacking zur Blogparade aufgerufen hat. Sie möchte unsere Geschichten hören wie wir eine Krankheit auf Reisen gemeistert haben.

Es war im Mai 2013. Mein Mann und ich waren auf großer Radreise von Wien nach Venedig. Unsere Route sollte uns über Bratislava, Budapest, Ljubljana, Triest bis hin nach Bella Venezia führen. Ich werde noch später einen ausführlichen Bericht über diese Reise schreiben weshalb ich mich hier auf den Teil mit der Krankheit konzentriere.

Route Wien Venedig 2013
Die geplante Route

Schon der erste Abschnitt von Wien nach Bratislava war nicht ohne. Wir fuhren gut 80 km gegen eine Wand aus Wind an und brauchten ewig. In Bratislava kam ich sichtlich entkräftet an. Während unserer zweiten Etappe nach Esztergom in Ungarn merkte ich schon…. hier passt etwas nicht, die Gesundheit lässt sehr zu wünschen übrig. Man sieht es mir auf den Bildern in Esztergom auch richtig an…

Basilika in Esztergom
Basilika in Esztergom

970809_665054416853361_1456550648_n

Wir übernachteten in einer kleinen Pension, es lief der Eurovision Song Contest im rauschenden Fernseher, der Kommentator sprach slowakisch und ich hustete mir die Seele aus dem Leib. Die Nacht wurde richtig schlimm, ich schlief kaum, schwitze viel, bekam sehr schlecht Luft. Sofern man von Schlafen reden kann wachte ich am nächsten Morgen völlig fertig auf und wusste: der heutige Tag ist gelaufen, Du musst zum Arzt. Und weil dies der Pfingstmontag war mussten wir ins Krankenhaus. Sehr ärgerlich: es deutete an ein wunderschöner Tag zu werden, wie gemacht fürs Fahrradfahren. Also berieten wir lang und breit und entschieden: unsere Wege trennen sich, wir treffen uns in Budapest. Es gab in Esztergom wie auch in Štúrovo jeweils einen Bahnhof und laut unserer Recherchen konnte man in Ungarn wie in der Slowakei das Fahrrad in den Zug mitnehmen (wir recherchieren sowas immer im Vorfeld zu Hause). Und irgendein Zug würde ja wohl in die ungarische Hauptstadt fahren??? Wir wägten ab: Hostel war gebucht, wir hatten jeweils die Adresse des Hostels, jeder hatte genug Handy Akku. Die Entscheidung fiel uns überraschend leicht. Ein letzter Kuss, ein „wir sehen uns in Budapest“ und dann fuhr mein Mann davon.

Für mich begann hier das Abenteuer. Ich wartete ewig in der Notfaufnahme bis es weiter ging. Die diensthabende Assistenzsärztin konnte kaum Englisch und wusste auch nichts mit meiner EU Krankenkarte anzufangen. Allein die Bürokratie dauerte ewig… Ich wurde geröngt (meine Lungen rasselten ordentlich), von oben bis unten untersucht. Irgendwie machten mir die Ärztin und die drei Krankenschwestern in einer Mischung aus ein paar englischen Schnipseln, Ungarisch-Brocken und Händen und Füßen klar dass ich eine schwere Bronchitis hätte, Antibiotikum bräuchte und defintiv nicht Fahrrad fahren sollte (dazu war ich eh nicht in der Lage).

Ich suchte also erstmal die Notapotheke um mein Rezept einzulösen. Und fuhr danach erstmal in die slowakische Schwesterstadt zum Bahnhof, schließlich wusste ich sicher dass von dort aus Züge nach Budapest führen. Bis ich den gefunden habe…. ganz abseits der Stadt und hoch am Berg. Das macht mit Bronchitis so richtig Laune. Dort erfuhr ich von einer nicht ganz so motivierten Dame am Schalter dass ich mein Fahrrad definitiv nicht mit den Zug nehmen könne (dabei fuhr ein Zug nach Budapest nur kurze Zeit später). Ich solle mein Glück in Esztergom versuchen. Wo der Bahnhof in Esztergom sei konnte oder wollte sie mir nicht sagen. Wir sprachen in einer spannenden Mischung aus Polnisch, Tschechisch, Deutsch und Englisch. Ein wahrer Traum.

Ich fuhr also zurück nach Esztergom. Durch den Feiertag war nicht allzu viel los in der Stadt, ich versuchte mich so gut ich konnte durchzufragen wo denn der Bahnhof sei, aber da ungarisch so gar nichts mit den Sprachen gemein hat die ich mal gelernt habe hatte ich kaum Erfolg. Ich zweifelte sogar an ob Esztergom einen Bahnhof hatte… Schließlich landete ich an einem völlig verlassenen Busbahnhof am Stadtrand. Keine Busse, keine Züge und schon gar keine Möglichkeit nach Budapest zu kommen. Dies war der Moment an dem ich zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl bekam. Was wenn ich es gar nicht nach Budapest schaffen würde? Ich rief meinen Mann etwa 30 mal an, vielleicht auch 130 mal. Natürlich war der genau zu dem Zeitpunkt im Funkloch und bekam von meiner Not nichts mit. Da es ja irgendwie weitergehen musste fragte ich weiter nach dem Bahnhof. Internet am Handy ging nicht. Warum auch immer. Ausgerechnet an dem Tag. Ausgerechnet in dieser Situation. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich schließlich den Bahnhof. Am anderen Stadtende mitten im Wohngebiet. Zur Erinnerung: ich war körperlich völlig fertig und richtig klar denken konnte ich auch nicht.

Mein erster kleiner Lichtblick war: der Schaffner am Fenster konnte fließend deutsch. Nur leider teilte er mir mit dass ich auch von Esztergom aus nicht mein Fahrrad im Zug mitnehmen könne. AAABER: es fuhr gleich (wirklich in wenigen Minuten) ein Bus vorm Bahnhof weg, direkt nach Budapest! Und er würde das dem Busfahrer mit dem Fahrrad schon erklären. Ähm… ich wurde skeptisch aber es war leider die einzige und vielleicht auch letzte Option die ich an dieser Stelle noch hatte.

Der Schaffner machte es klar und lud zusammen mit dem Busfahrer mein Rad in den Bus – sie legten es im Gang einfach quer rein. Geld wollte der Busfahrer keines, er grinste nur dreckig. Ich war der einzige Fahrgast…. Ich fragte mich schon für welchen Preis mich der Schaffner verschachert hatte. Ehrlich, ich bekam Angst. Aber da ich immer noch keine andere Möglichkeit hatte musste ich da durch. Ich nahm mein 3 kg schweres Fahrradschloß aus der Tasche, mit ordentlichem Schwung konnte man damit immerhin gut zuschlagen…

Wir fuhren los und mein Herz sank tiefer und tiefer da wir Ausfahrt um Ausfahrt nach Budapest links liegen liesen. Innerlich geriet ich in Panik. Aber ich war in diesem Bus also musste es weiter gehen. Ich versuchte verzweifelt meinen Mann zu erreichen aber das Funkloch schien wohl größer zu sein…. Dann kam endlich die Erlösung: wir hielten zum ersten mal an, an einer Bushaltestelle. Vor uns stand bereits ein Bus. Es stiegen einige Personen um, der Schaffner wechselte und der neue Schaffner kassierte ab und verkaufte mir ein Ticket. Mir fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen. Ich fing an daran zu glauben dass ich diese Busfahrt überleben könnte.

Schließlich kamen wir in Budapest an – in einem Stück und nicht wie zeitweise befürchtet auf drei Müllsäcke verteilt. Der Busfahrer half mir mit dem Fahrrad und da stand ich nun. Dank Google Maps (oh Wunder, mein Handy fand doch Internet!) konnte ich das Hostel suchen und mich hin navigieren lassen. Das Gefühl es wirklich bis nach Budapest geschafft zu haben war erhebend, war fast schon heilend, war grandios. Ich schwebte schon fast zum Hostel.

Dort brach ich erstmal völlig entkräftet auf dem Bett zusammen. Vom Busbahnhof bis zur Unterkunft waren es doch noch einige Kilometer gewesen und körperlich war ich nach diesem Tag endgültig am Ende. Zwei Stunden später kam mein Mann dazu und musste sich etwas ungläubig die Geschichte über den Roadtrip seiner kranken Frau nach Budapest anhören…Er hatte übrigends wirklich keinen Empfang. Er ist entlang der Donau durch die totale Pampa gefahren. Für ihn hat sich die Trennung von mir definitiv gelohnt – laut seiner Aussage war dies der schönste Abschnitt der ganzen Radtour. Bestes Wetter, tolle Landschaften, nette Leute. Wie schön! Und ausgerechnet dieses Stück verpasste ich… andererseits: ich habe eine große Herausforderung gemeistert und blicke auf ein Abenteuer zurück das man so nicht planen kann….

10 Comments

genau auf der Strecke Esztergom-Budapest hatte ich auch das Fahrrad-Abenteuer meines Lebens! Wir wurden von einer irren Großfamilie attackiert, als wir Mittagspause machten:

https://wandernd.wordpress.com/2015/09/28/begegnungen-4-wie-wir-an-einem-tag-den-glauben-an-die-menschheit-verloren-und-wiederfanden/

Reply

Der Wahnsinn, auf dem gleichen Abschnitt! Das ist ein verrückter Zufall!

Reply

Liebe Alicja!

Dein Beitrag ist echt toll! Ich finde es sehr mutig von dir krank und alleine einfach irgendwo, wo man sich nicht auskennt, zu reisen. Du hast meine Bewunderung!

lg Sonja

Reply

Die Alternative wäre gewesen meinem Mann den Tag zu versauen. Klar wäre er auch bei mir geblieben aber das musste ja nicht sein. Wir dachten ich fahre nach Sturovo und steige in den Zug. Vorgestellt haben wir es uns ganz einfach. Dass so eine Reise draus wurde konnte ja keiner ahnen 🙂

Reply

[…] Roadtrip nach Budapest von Wiktoria (wiktoriaslife.com) […]

Reply

Hallo Alicja,
vielen Dank für deine Teilnahme an meiner Blogparade.
Dein Roadtrip nach Budapest war ja eine richtige Odyssee. Das war schon eine Leistung von dir das alles alleine zu meistern. Wie ging es denn danach weiter? Am nächsten Tag warst du doch bestimmt immer noch krank. Habt ihr dann eine Pause eingelegt?
LG Jo

Reply

Hallo Johanna,
da ich noch die ganze Reise verbloggen wollte wollte ich hier nicht zu viel vorab erzählen. In Budapest haben wir entgegen unserer Art einen Hopp On Hopp Off Touri Bus genommen um die Stadt zu sehen, ich hing in diesem Bus drin… Wir sind dann die geplante Strecke von Budapest zum Balaton mit dem Zug gefahren (haben dafür extra einen Zug mit Fahrradmitnahme gebucht). Am Balaton hat es uns komplett eingeregnet wir überbrückten weitere Etappen mit dem Zug. Bis Ljubljana war der Wurm drin, wir waren mehr mit der Bahn unterwegs als mit dem Rad. Sehr frustrierend. Erst ab der slowenischen Hauptstadt ging es langsam weiter.
Wie gesagt, die ganze Reise gibt es bald hier am Blog.
Viele Grüße
Alicja

Reply

Da bin ich dann mal sehr gespannt auf die Blogposts zu dem Rest der Reise. 🙂

Reply

Sie werden zeitnah kommen! Viele Grüße

Reply

[…] in Ungarn mit einer starken Bronchitis zu kämpfen, die sie sogar zu einem Krankenhausbesuch zwang. Roadtrip nach Budapest (Ungarn, […]

Reply
Schreibe einen Kommentar

Your e-mail will not be published. All required Fields are marked

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.