Zwei mal abgebrochen… und doch angekommen

Zu meiner eigenen Überraschung stelle ich fest, dass ausgerechnet mein Abschied vom Studium die meisten Leser interessiert. Aus diesem Grund möchte ich Euch heute die ganze Geschichte erzählen. Die Geschichte eines falschen Weges.

Seit ich denken kann haben uns unsere Eltern vermittelt, dass es im Leben wichtig sei etwas aus sich zu machen. Eigentlich stand außer einem Studium nicht wirklich etwas anderes zur Debatte, wenn wir denn nicht an der Aldi Kasse landen wollten (das war für meine Eltern damals der Inbegriff des beruflichen Scheiterns – wenn sie wüssten was für Anforderungen es heute gibt um bei Aldi lernen zu dürfen…!). Ich war also geprägt. Durch und durch.

Nach dem Fachabitur, das ich mit mageren 3,4 bestanden habe habe ich erstmal keinen Studienplatz bekommen. Nur über den Härtefall (ich hatte damals massive Einschränkungen des Bewegungsapparats) bekam ich einen Platz für Tourismusmanagement in Heilbronn. Mein Freund (mein heutiger Mann) und ich sind damals nach Heilbronn gefahren und der erste Eindruck war… WEIT. Heilbronn ist so richtig weit weg. Schon auf dem Weg zur FH entschied ich, dass ich das nicht will. Die eher uneinladend wirkende Hochschule hat meine Entscheidung bestätigt. Ich schlug den einzigen Studienplatz den ich hatte aus.

Spontan nach Bamberg

Ich war schon immer ein Mensch der schnellen Entscheidungen. Was folgte war ein Schnellschuss der mein Leben verändern sollte. Ich telefonierte mit meiner Tante die mir Fremdsprachen vorschlug. Es war Montag, ich informierte mich an Berufsfachschulen über einen Einstieg (das Schuljahr lief bereits), am Mittwoch meldete ich mich an einer Schule am Telefon an, am Freitag ging ich zum ersten mal hin. Meine Zeit in Bamberg begann (ich habe diese Zeit bereits bei Travel the world: Spanien verarbeitet) und dauerte 2 Jahre.

Eigentlich wollte ich im Beruf der Fremdsprachenkorrespondentin arbeiten. Aber da es sich hier um eine rein schulische Ausbildung handelt konnte ich keine Berufserfahrung vorweisen und fand keine Anstellung. Wieder kam der Gedanke: vielleicht doch studieren? Da ich aber wieder in die Heimat ziehen wollte kam nur die Hochschule Hof in die Frage. Dort fand ich BWL – und schrieb mich ein.

Dann studiere ich eben doch!

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Cafeteria der Hochschule
Copyright: Hochschule Hof

Ich habe Betriebswirtschaftslehre gerne studiert. Wirklich. Ich war auch gar nicht schlecht darin. Was mir leider Probleme bereitet hat waren die Fächer Wirtschaftsmathematik und Statistik. In Hof eher als Stolperfallen bekannt tat ich mich seit dem ersten Tag enorm schwer. Ich bin keine Leuchte in Mathematik. Ich habe eine betriebswirtschaftliche Denke, vor allem in der Theorie, aber auch in der Praxis in Form von Kostenrechnung und Co. Was ich nicht kann sind Algorithmen, Parabeln, e-Funktionen und so weiter. Ich habe Prüfungen geschrieben, bin durchgefallen, habe gelernt wie noch nie in meinem Leben. Am Ende hat es nicht gereicht. Beide Stolpersteine haben mich im letzten Anlauf den Studienplatz gekostet. BWL war Geschichte.

Nächtelang wälzte ich meine Gedanken. Wie sollte es weiter gehen? Dazu dieser bedrohliche Gedanke: ich bin Studienabbrecherin. Jetzt geht die Spirale nach unten.

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Copyright: Hochschule Hof

Während meines BWL-Studiums wurde in Hof der Studiengang Wirtschaftsrecht eingeführt. Ich war unentschlossen. Sollte ich es nochmal wagen? Eines morgens wachte ich auf, griff zum Telefon und sagte der Hochschule Bescheid. Am Nachmittag fuhr ich hin und immatrikulierte mich für Wirtschaftsrecht. Mein zweiter Schnellschuss dieses Kalibers im Leben.

Wirtschaftsrecht war toll. Ich habe es noch viel lieber studiert als BWL. Es fühlte sich an als wäre ich angekommen. Die meisten Fächer machten Spaß und ich ging mehr aus echtem Interesse als aus Pflicht in die Vorlesungen. Dann kam das Jahr 2009. Mein Leben spielte Kopf und ich erkrankte. Ich bekam schwere Depressionen. Mit Therapie und Antidepressiva begann ein langer und qualvoller Weg aus der Krankheit (darüber werde ich zur gegebenen Zeit noch schreiben). Mein Leben fiel mir immer schwerer. Das Studium auch. Wir bauten zu der Zeit ein Haus um, ich ging neben dem Studium 20 Stunden pro Woche arbeiten. Die Depressionen legten sich über all das wie schwarze Rauchwolken. Um keine zweifache Abbrecherin zu werden schmiss ich erst meinen Job. Ich stand im Drittversuch im Arbeitsrecht, eigentlich kein schweres Fach. Aber mein Akku war leer, ich war innerlich taub. Für die vorangengangen Versuche hatte ich so viel gelernt. Ich spürte, dass ich in meinem Zustand nicht mehr die Kraft hatte noch mehr für das Studium zu investieren. Ich traf die bis dato schwerste Entscheidung meines Lebens: ich würde mein Studium abbrechen. Erneut. Ohne Antritt zum Drittversuch. Viele konnten es nicht verstehen, aber nachdem ich bereits einmal das Studium abbrechen musste wollte ich mir diese Demütigung kein zweites mal antun. Ich wollte erhobenen Hauptes gehen.

Vielleicht war es Schicksal, dass ich mir zu dem Zeitpunkt so böse den Fuss verknackst habe, dass ich operiert werden musste. Durch die OP war ich für sämtliche Prüfungen krank geschrieben. Da ich meinen Fuss über den gesamten Heilungsprozess hochlegen musste war eine Teilnahme an den Prüfungen nicht möglich. Ich gewann dadurch ein komplettes Semster, um mir grundlegende Gedanken zu machen. Würde ich weiter studieren oder würde ich mir eine Lehrstelle suchen? Diese Zeit war ein massiver Gewinn für meine persönliche Entscheidungsfindung.

Am 16. Mai 2011 unterschrieb ich meinen Vertrag für einen Ausbildungsplatz zur Industriekauffrau. Am gleichen Tag fuhr ich zur Hochschule und exmatrikulierte mich. Endgültig. Den Abschied könnt ihr hier nachlesen. Auch wenn ich die Entscheidung schon länger getroffen hatte, es durchzuziehen war nochmal ein eigenes Kaliber. Ich riss mich auf dem Heimweg zusammen und weinte zu Hause bittere Tränen.

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Ich war gescheitert

Ich musste mich von etwas verabschieden, das für mich immer als gegeben angesehen wurde. Zu erkennen, dass die anerzogenen Werte der eigenen Realität nicht stand hielten tat weh. Ich erinnere mich noch an das entsetzte Gesicht meiner Mutter als ich ihr von der Exmatrikulation erzählte. Sie hatte bis zuletzt gehofft ich würde es mir anders überlegen.

Ich war gescheitert. Ein Studium zu verhauen ist keine Schande. Zwei dagegen schon. Zumindest habe ich das lange so empfunden. Ich habe mich dafür geschämt, es war… peinlich. Mehr als ein Haufen Studienschulden – die ich bis heute abbezahle – blieben nicht zurück. Das hat mich viele Jahre umgetrieben.

Immer wieder war es in mir drin nochmal studieren zu wollen. Auch mit dem Wissen dass mich mein gesamtes Umfeld einen Kopf kürzen würde. Ich suchte nach Fernstudiengängen, überlegte hier und da. Es blieb bei den Überlegungen, mir war klar dass ich nie wieder studieren würde. Ich nahm lange Zeit Abschied, zwei Jahre? Drei Jahre? Meine Therapeutin hat mir dabei geholfen nicht am eigenen Scheitern zu verzweifeln. Vor allem weil meine Ausbildung gut lief. Ich konnte viel von den Studiengängen mitnehmen. Ich profitierte von einem Berg an Erfahrungen und Wissen, ich konnte arbeiten und ich war nicht mehr ganz hellgrün hinter den Ohren. Bis ich wirklich mit dem Studium abgeschlossen habe verging aber viel Zeit.

Heute bin ich fast 31, Vollzeit Mama. Industriekauffrau und Fremdsprachenkorrespondentin. Und ja, auch zweifache Studienabbrecherin. 5 Jahre Hochschule ohne Abschluss kann man nicht unter Glitzer verstecken. Aber man muss diese Erfahrung nicht schlechter machen als sie ist. Waren es verlorene Jahre? Ja und Nein. Ein kleiner Teil von mir wird der Hochschule immer nachweinen. Ich hätte Wirtschaftsrecht gerne unter anderen Voraussetzungen studiert, ohne diesen schwarzen Teufel Depression. Ich habe es wirklich gemocht. Ich habe so viel mitgenommen. Ich habe wirklich viel gelernt in diesen 5 Jahren – auch ohne akademischen Titel. Ich habe tolle Menschen kennengelernt, tolle Partys gefeiert.

Ich bin auch irgendwie erwachsener geworden. Was aber ein enormer Zugewinn an persönlicher Entwicklung war: ich habe gelernt zu scheitern. Und wieder aufzustehen. Und das auf so vielen Ebenen. Ich habe eine neue Stärke entwickelt. Die Krankheit zu überwinden und dem Trümmerhaufen meiner akademischen Laufbahn gegenüberzustehen hat mich sehr verändert. Ich konnte das schüchterne, unreife Mädchen, das Angst vor allem hat hinter mir lassen. Ich habe immer noch vor vielem Angst aber ich weiß, dass es mehr braucht, um mich umzuhauen. Und ich weiß, dass es weiter geht.

Stehen uns unsere anerzogenen Werte manchmal im Weg?

Diese Frage habe ich mir in diesem Kontext immer wieder gestellt. Hätte ich das zweite Studium nicht angefangen wäre der Gedanke an einen Hochschulabschluss nicht so präsent in meinem Bewusstsein gewesen? Oder habe ich es einfach nur verpasst mich abzunabeln?

Im Grunde wollen wir alle nur das Beste für unsere Kinder. Auch meine Eltern wollten das. Ich habe ihnen niemals zum Vorwurf gemacht, dass sie wollten, dass wir studieren. Tue ich auch jetzt nicht. Mama, wenn Du das hier liest: ihr habt es gut gemeint und dafür schätze und liebe ich Euch sehr! Auch ich überlege mir welche Werte und Vorstellungen ich meiner Tochter mitgeben möchte. Und natürlich möchte ich auch, dass sie danach lebt, was ich für die richtigen Werte halte. Wie kann man seinen eigenen Kindern Werte und Normen und Wurzeln mitgeben ohne ihnen die Flügel abzuschneiden? Meine Tochter ist 1 1/4, ich bin blutige Anfängerin in Sachen Erziehung. Ich hoffe allerdings, dass es mir gelingt meiner Tochter eine Grundausrüstung für das Leben mitzugeben. Einen Leitfaden durch das Leben – kein Gesetz. Eine gute Ausgangslage, um die Flügel auszubreiten und den eigenen Weg zu wählen.

Ich meine, dass dazu immer Selbstreflektion gehört. Ein Eigenschaft die ich leider bei vielen Menschen vermisse. Die sind wie sie sind und denken gar nicht weiter darüber nach. Ohne Selbstreflektion kann es aber meines Erachtens nach keine echte Weiterentwicklung geben. Sind meine Werte von gestern heute noch gültig? Bin ich bereit meine Meinung zu ändern, wenn man mir stichhaltige Argumente dagegen vorlegt? Selbstreflektion kann manchmal ganz schön böse werden – wer will sich schon eingestehen, dass er auf dem Holzweg war und einfach nur Mist von sich gegeben hat?

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Als Mutter sehe ich meine Rolle darin ein Vorbild zu sein. Wenn meine Tochter merkt, dass ich mich durchaua eines besseren belehren lasse, dann komme ich gar nicht in den Status der allwissenden Mutter. Ein Status der in Polen gerne zugeteilt wird: Mama hat recht. Punkt. Diese Form der Selbstverherrlichung möchte ich für mich nicht leben. Für mich selbst nicht und für mein Kind nicht. Sie soll immer die Möglichkeit haben zu mir kommen zu dürfen und sagen zu können: Mama, Du irrst Dich. Generell versuche ich Kritik nie als Angriff zu sehen denn ich sehe immer darin die Möglichkeit mich weiterzuentwickeln, an mir selbst zu wachsen. Das heißt nicht dass ich ohne Schmerzgrenze kritikfähig bin. Ich bin ein sensibler Mensch und wenn Kritik persönlich wird kann ich es noch sehr lange mit mir herum tragen.

Werte und Vorstellungen sind wichtig. Sie geben unseren Kindern das Handwerkszeug für ihr Leben. Aber sie sollten niemals Dogmen sein. Die Kinder dürfen und müssen ihre eigenen Wege finden. Und vielleicht vermitteln unsere Kinder ihren Kindern ja andere Werte als wir ihnen beigebracht haben? Und das ist in Ordnung, so lange sie mit sich selbst im Reinen sind.

3 Gedanken zu „Zwei mal abgebrochen… und doch angekommen

  1. Ich kann den Beitrag soooo nachempfinden.
    Bei mir Zuhause lief es sehr ähnlich ab. Ohne Studium wird man nichts usw.
    Hab auch 2 Jahre studiert und musste es dann abbrechen. Letzte Woche hab ich dann aber meine schriftliche Abschlussprüfung der Ausbildung geschrieben und werde nach meiner mündlichen Prüfung im Juni direkt in Vollzeit übernommen. Einfach nie den Kopf hängen lassen. Und vergeudete Zeit ist es mit Sicherheit nicht, man nimmt so viel mit…
    Alles Liebe

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