Wiktoria's Life

[Türchen Nr. 18] – From Munich with love: Weihnachten in Polen

Mein Blog heißt: From Munich with love

Hier findet ihr mich: http://frommunichwithlove.de/

Ich heiße: Dominika Rotthaler

Ich bin: 36 Jahre alt, eine Ehefrau und Mama von zwei Jungs (5 und 3 Jahre alt). Ich wohne in München seit 2010 und das ist meine Lieblingsstadt! Zuvor habe ich schon in Warschau, Danzig, Hamburg und Lugano gelebt. Die ersten 6 Jahre in München kümmerte ich mich um meine Familie und meine zwei Blogs. Seit August 2016 bin ich zusätzlich im Head Office in einer PR-Agentur aus München angestellt.

So lange blogge ich schon: Auf Polnisch seit Januar 2012, auf Deutsch seit Mai 2014.

Darüber blogge ich: Auswanderung und Bilingualität, Bloggen, Freizeittipps, Familienleben, Mama Start-Ups, München, Reisen.

 

Weihnachten in Polen – Eine Kindheitserinnerung

Polen, Mitte 80-ger Jahre

Wir, also ich, meine 4 Jahre ältere Schwester, meine Mama und mein Papa sitzen in unserem alten Trabi, der bis unters Dach vollgestopft ist mit Geschenken, Tellern und Schüsseln mit Essen, warmen Decken und den eigenen Hausschuhen. Wir fahren schneller als die anderen Autos. Mein Papa überholt sie mit Geschick und ich zittere ein bisschen, weil mich die hohe Geschwindigkeit und die im Wagen herrschende Nervosität verunsichert.

Wir sind spät dran. Auf uns warten schon andere Familienmitglieder, mit denen wir heute den Heiligen Abend feiern wollen. Mein Papa hat es nicht leicht mit uns drei Frauen zu Hause und die Vorbereitungen haben sich etwas verzögert. Die eine muss noch Pierogi (polnische Maultaschen mit Kraut und Pilzen) vorbereiten und zwischen drin warten, bis ihr Nagellack getrocknet ist. Die andere will sich nicht festlich anziehen und ich will mir meine Haare nicht schön machen lassen. Diese Hektik begleitet uns schon seit dem frühen Morgen!

Der Ort, in dem meine Großeltern wohnen, ist nur 40 km von meiner Heimstadt entfernt. Trotzdem dauert es ca. 1 Stunde, bis wir dort sind, auch wenn mein Papa unser Geschrei ignoriert und Gas gibt. Es ist viel Verkehr und alle wollen so schnell wie möglich am festlichen Tisch sitzen.

Oh ja, da sehe ich ihn schon, den kleinen Wohnblock und das Küchenfenster meiner Großaltern. Die Babcia (Oma) wartet wie immer am Fenster und sucht nach unserem Trabi. Sie winkt sobald sie uns sieht und verschwindet dann in ihrer Küche. Sie kocht jetzt bestimmt Barszcz (Rote-Beete-Suppe), damit wir schnell anfangen können zu essen.

Nun müssen wir nur noch einen Parkplatz finden, was in dieser Gegend gar nicht so einfach ist und dann alle Sachen vom Auto in die Wohnung hoch tragen. Zum Glück feiern wir dieses Mal bei meinen Großeltern, die im ersten Stock wohnen und nicht beim Onkel, der in der 4. Etage ohne Lift wohnt: mit den ganzen Schüsseln, Tellern und Hausschuhen wäre es eine echte Herausforderung!

Endlich angekommen! Mein Papa entschuldigt sich für die Verspätung und atmet tief durch, weil sein Bruder und dessen Familie auch noch nicht da sind, und dass obwohl sie in derselben Stadt wie meine Großeltern lebt. Erst sehr viel später werde ich verstehen, dass wir Polen immer pünktlich sein wollen, aber relativ oft in Verzug geraten. Vor allem an Weihnachten. 🙂

Die Wohnung ist klein: zwei Zimmer, eine kleine Küche, ein Bad und ein Balkon. Mit dem Bruder und der Schwester meines Papas, den ganzen Kindern und den Großeltern, sind wir zu zwölft. Das Wohnzimmer ist vollgestopft mit dem ausziehbaren Tisch, der bereits festlich eingedeckt ist. Viele Stühle stehen um den Tisch und der kleine, künstliche Weihnachtsbaum in der Ecke. Es duftet nach Kompot (einem Getränk aus trockenen Früchten), das meine Oma jedes Jahr an Weihnachten kocht. Wir ziehen unsere mitgebrachten eigenen Hausschuhe an und waschen uns die Hände. Jetzt werden alle Schüssel und Teller ausgepackt und auf den Tisch gestellt und unsere Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. In Polen sagt man, dass die Geschenke am 24. Dezember von Sankt Nikolaus gebracht werden (manche sagen auch Christkind oder „Väterchen Frost“), aber ich wusste schon relativ früh, dass es gar nicht stimmt. Und ich habe deswegen kein Kindheitstrauma erlebt 🙂

Endlich kommt auch der Onkel mit seiner Frau und ihren zwei Kindern. Wir Kinder fangen sofort an, im kleineren Zimmer zu spielen und lassen die Erwachsenen das Fest vorbereiten. In der Küche drängen sich immer mehr Leute, man hört Teller und Gläser klirren und auch im Wohnzimmer wird es immer lauter. Mir macht das alles nichts aus, weil mein Lieblings Opa zu uns Kindern kommt und mit uns zusammen „Nussknacker“ spielt. Abwechselnd darf jeder von uns den silbernen Nussknacker verstecken und die andere müssen danach suchen, während Opa „kalt“ oder „warm“ ruft.

Endlich ist es so weit: das Essen steht bereit und wir werden zu Tisch gerufen. Wir Kinder haben einen kleineren Tisch in der Ecke – auch wenn wir uns später im Laufe des Abends zu den Erwachsenen gesellen werden, bleiben wir am Anfang an unserem Kindertisch sitzen. Bevor wir aber anfangen zu essen, stellen sich alle hin und teilen mit einander Opłatek (polnische Oblaten) und wünschen dabei jedem Familienmitglied etwas ganz Persönliches.

Danach fängt das Festessen an. Am Heiligabend essen wir kein Fleisch, sondern Fisch (z.B. Karpfen in Gelee oder Heringe verschiedenster Arten), die erwähnte rote Bete oder Pilzsuppe, Nudeln mit Mohn und Maultaschen mit Kraut. Ich esse an dem Abend ausschließlich Sałatka Jarzynowa (Gemüsesalat), der aus gekochtem Gemüse (Karotten, Petersilie, Sellerie, grüne Erbsen, aber auch Äpfeln, Kartoffeln, Zwiebeln und eihgelegten Gurken) und jeder Menge Mayonnaise besteht. Traditionell gibt es zwölf verschiedene Gerichte, als Erinnerung an die zwölf Apostel. Als Kind
hört man aber normalerweise nach dem dritten Gang auf, weil es unmöglich ist, alles zu probieren!

Wenn wir etwas unruhig werden, beginnt endlich die Bescherung. Obwohl in den 80er Jahren in Polen tiefster Kommunismus herrschte, schafft man es trotzdem, jedem ein kleines Geschenk zu besorgen. Mein Papa und Onkel sind Zeremonienmeister – sie legen alle Geschenke in einen Karton und fischen nebenbei Sachen heraus, die gar nicht als Geschenke gedacht waren. Oder machen andere Späßchen. Ich bekomme ein Plastikgeschirr für meine Puppenküche. Und zwar mindestens drei Mal, denn wenn ich auf Toilette gehe, werden meine Geschenke erneut verpackt und im Karton versteckt. Und so denke ich, dass ich drei schöne Küchensets bekommen habe und sogar meiner Schwester und meiner Cousine eins schenken kann. Als ich den Betrug entdecke, gibt es große Tränen, aber die Erwachsenen haben ganz viel Spaß und lachen laut! Weil dieses Spiel auch mit ihnen selbst gespielt wird, bekommt am Schluss jeder seine Geschenke doppelt oder sogar dreifach. 🙂

Nach der aufregenden Bescherung kehrt wieder etwas Ruhe ein und wir fangen an zu singen. Erst die schnellen, lebhaften Weihnachtslieder und zum Schluss die langsameren, die sich wie Gute-Nacht-Lieder anhören. Ich werde müde und möchte nach Hause fahren. Meine Eltern packen unsere Sachen, nehmen die Geschenke und unsere Hausschuhe wieder mit und bringen uns zum Auto. Der Onkel geht noch mit seiner Familie zur Mitternachtsmesse, wir aber fahren nach Hause. Es hat viel geschneit und die Straßen sind sehr glatt, deswegen müssen wir langsam und vorsichtig fahren. Keine Hektik und kein Stress mehr. Mein Papa deckt mich und meine Schwester mit einer warmen Decke zu, denn die Heizung in unserem alten Trabant ist nicht so optimal. Ich sehe meine Oma noch am Küchenfenster winken und kuschele mich an meine Schwester. Wir schlafen sofort ein.

ls wir zu Hause angekommen sind, laufe ich wie in Trance in mein Zimmer und ziehe mir sofort den Schlafanzug an. Die Wohnung ist ausgekühlt und mein Papa muss noch den Heizofen mit Holzkohle füttern. Meine Schwester und ich halten unsere Decken solange vor den Heizofen, bis sie heiß werden und springen dann sofort in unsere Betten. Die neuen Geschenke lassen wir am Bett liegen, damit wir am nächsten Morgen nach dem Aufwachen sofort damit spielen können. Wenn wir Zeit haben, frühstücken wir morgen bei meinen anderen Großeltern. Zum Glück wohnen sie in derselben Stadt wie wir und wir müssen nicht mehr weit fahren. Und Fleisch und Kuchen gibt es auch wieder zum Essen. Darauf freue ich mich schon und mit diesem Gedanken schlafe ich sofort ein.

5 Comments

An mein Weihnachten in Polen kann ich mich nicht so gut erinnern, jedoch kommen mir die Grundzüge sehr bekannt und familiär vor

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Ein sehr schöner Einblick in Deine vergangenen Weihnachten. Danke dafür!

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Was für ein toller, wundervoller Beitrag von Dominika! ♥

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Ach ja… Trabbi-fahren ist schon ein Erlebnis für sich!

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Die Kinderbilder der lieben Dominika sind ja so 80er. Voll süß und wunderbar geschrieben.
LG Anke

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