Wiktoria's Life

[Türchen Nr. 20] – Weltenbewegerin: Weihnachten aus Sicht einer Muslima

Mein Blog heißt: Weltenbewegerin. Philosophin. Visionärin. Macherin.

Hier findet ihr mich: http://www.weltenbewegerin.de/

Ich heiße: Yasemin Akdemir

Ich bin: bald 30 Jahre , eine vielbegabte Scanner-Persönlichkeit und selbstständige Studienfachberaterin, sowie Trainerin

So lange blogge ich schon: seit erst einem Jahr

Darüber blogge ich: Philosophie, Düsseldorf, Arbeit und Sachbücher

Weihnachten aus Sicht einer Muslima – ein Interview

 

Liebe Yasemin,
stell Dich doch bitte vor.

Mein Name ist Yasemin Akdemir, ich werde in wenigen Monaten 30 Jahre alt , ich bin ein Original Düsseldorfer Mädel. Hier geboren und aufgewachsen und habe Philosophie studiert. Ich bin selbstständig als Studienfachberaterin tätig und habe eine Start-Up Idee, mit der ich das Bildungssystem revolutionieren will.

Du lebst als Muslima im christlich geprägten Deutschland. Wie bist Du als Kind „zwischen den Kulturen“ aufgewachsen?

Ich denke, das Kultur und Religiosität erst einmal zwei verschiedene Dinge sind, die man nicht vermischen sollte. Was meine Kultur angeht, bin ich nämlich „’n Rheinisches Mädsche“. Wenn man aber über Religion redet, so stand ich nicht zwischen zwei Stühlen, weil ja immer klar war: Ich folge dem islamischen Glauben. Ich bin zum Beispiel auch samstags immer in die Moschee, um aus dem Koran lesen zu lernen und die Säulen des Islams kennen und verstehen zu lernen. Für mich, war es als Kind eher eine Entdeckungsreise: Wo unterscheiden sich die Religionen? Was haben sie gemeinsam. Vielleicht hab ich deswegen dann später im Studium auch Modernes Japan studiert: Dann kam der Shintoismus und Buddhismus dazu.

Ich hatte allerdings das Glück eine belesene Mutter zu haben. Mein Opa ist Hoca, also islamischer Priester und meine Mutter konnte immer meine neugierigen Fragen zur Religion beantworten. Immer, und wenn sie etwas nicht wusste, schlug sie es nach. Sie konnte mir sagen, worin es Gemeinsames gab und wenn ich etwas in der Schule lernte, konnte sie mir den Unterschied im Islam erklären.

Weiterhin gibt es bei uns in Düsseldorf in der Nähe — genaugenommen in Neuss — das Haus der Jugend, wo auch das Abrahamhaus ist. Das ist ein Mitmach-Projekt zum Religionsvergleich Judentum-Christentum-Islam speziell an Jugendliche und Schulklassen der Sekundarstufe I gerichtet. Link: http://www.das-haus-der-jugend.de/abrahamhaus.htm Am Ende der Ausstellung, wo man auch an Workshops teilnehmen kann ist ein riesiger Baum an die Wand gemalt, indem Abraham im Stamm aufgemalt ist — als Gemeinsamkeit aller drei großen Religionen.

Wo wir eigentlich bei Weihnachten sind: Jesus gibt es ja auch im Islam. Allerdings ist er nicht wie im Christentum der Sohn Gottes, sondern nur ein Prophet. Deshalb feiern wir auch kein Weihnachten. Im türkischen und arabischen nennen wir ihn Isa.

Die meisten Kinder in Deinem Umfeld sprachen von Wunschlisten, Weihnachtsgeschenken und dem Kindergottesdienst. Wie war es als Kind, Weihnachten aus der Entfernung zu erleben?

Beim Kinder-Gottesdienst fand ich das eigentlich gut. Da konnte ich immer ausschlafen, weil ich ja nicht mitdürfte. Das Wort an dem ich mich heute störe ist allerdings das „dürfen“. Allerdings denk ich mir heute, dass man das miterleben müsste als Kind, auch als anders-religiös erzogenes. Warum sprechen die Schulen nicht explizite Einladungen an die Eltern aus mitzukommen? Ich weiß bis heute nicht, wie das abläuft.

Weihnachtsgeschenke bekam ich ja. Und zwar von den deutschen Nachbarn, das fand ich toll! Wir wohnten in einem Wohnhausgebiet, wo es immens viele junge ausländische Familien und ältere deutsche Rentnerpaare gab. An ein Geschenk erinnere ich mich besonders, das war ein selbstgestrickter bunter großer, langer Elf von der Oma über uns. Die kam auch immer zu meinen Kindergeburtstagen. Wenn ich den deutschen Eltern einen Tipp geben kann: Schenkt auch euren andersgläubigen Nachbarskinder etwas kleines. Die werden eure Geste und Großzügigkeit nicht vergessen.

Und zu der Wunschliste: Ich dürfte einmal eine machen. Da waren wir auf der Weihnachtsfeier des Fußballvereins meines Papas eingeladen. Da gab es dann auch den Nikolaus oder Weihnachtsmann, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber der hatte sein großes goldenes Buch und eine riesige Rute und als er mich Aufruf, da zählte er erst einmal auf, dass ich ja ganz frech war. Boah, hatte ich Angst. Aber mein Geschenk bekam ich trotzdem und freute mich riesig.

Hat sich Dein Empfinden als Erwachsene zu dem Thema verändert?

Ja. ich bin heute der Überzeugung, dass es mehr interreligiösen Austausch bereits in der Schule geben muss. Kinder sind neugierig und wollen wissen. Ich verstehe Eltern nicht, die wollen, dass entweder nur eine, oder keine Religion gelehrt wird. Man ist doch erst in der Lage etwas zu beurteilen, wenn man es kennt und differenzierte Betrachtung ist nur dann möglich, wenn man alle Optionen kennt. Das gilt besonders für Kinder. Die sind klüger als man denkt.

Ansonsten: Ich bin Weihnachten immer total gechillt. Ich merke, wie bei allen so die Stress-und Frusttoleranz gegen Null geht. Mir geht’s relativ dann immer blendend. Im Dezember bekomme ich dann die Gelegenheit für andere der Ruhepol zu sein. Das ist schön, besonders wenn ich es die restlichen Monate nicht bin.

Was ich mich noch nie getraut habe zu fragen: was macht ihr eigentlich am 24. Dezember abends?

Wir arbeiten. Also, ich weiß nicht, ob es dir mal aufgefallen ist oder irgendjemanden, der dann in der Weihnachtspanik ist, aber beim Personen und Nah-Verkehr, die Bus- und Straßenbahnfahrer, Sicherheits-und Notfalldienste, in den Krankenhäusern und Altenheime etc. Dienst haben meistens die muslimischen Kollegen, die nicht feiern.

Ich persönlich hab die letzten 8 Jahre im Altersheim als Alltagsbegleitung gearbeitet. Das habe ich eine Weile ehrenamtlich gemacht und die letzten beiden Jahre, war ich bei der Diakonie Düsseldorf Teilzeit angestellt. Die christlichen Kolleginnen waren immer total dankbar, aber ich hab mich da immer freiwillig gemeldet. Was hätte ich denn sonst machen sollen? Ist doch alles geschlossen.

Dieses Jahr werde ich meine Familie besuchen. Wahrscheinlich werden wir Filme gucken und gut essen. Vielleicht machen wir einen Spieleabend, aber anders als ein normaler Sonntag wird das nicht sein. Vielleicht backen meine Mutter und ich verspätet Weihnachtskekse.

Wie siehst du aus deiner Perspektive das Weihnachtstreiben?

Ich finde ehrlich gesagt ein wenig merkwürdig, dass viele sich zu viel Stress machen und aus meinem Bekanntenkreis Weihnachtsabende mit der Familie so abscheulich finden. Dabei ist es doch total schön: Aus ganz weit her, kommen die entferntesten Verwandten, die man so lange nicht gesehen hat. Geschenke müssen ja nicht protzig oder teuer sein, es sollte die Geste und der Gedanke an eine Person zählen. Weiterhin wenn gestritten wird: Zum Streiten gehören mindestens zwei, einfach nicht stressen lassen.

Was ich noch mitgeben möchte: Ladet uns ein! Lasst uns teilhaben. Ich erinnere mich an ein einziges Mal, da hat mich eine Freundin eingeladen, und ich dürfte den ersten Weihnachtstag mit denen vergingen. Es war total schön und ich war sehr dankbar daran teilhaben zu dürfen. Integration heißt Teilen.

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