Wiktoria's Life

Was bleibt…. wenn Du gehst?

Es hängen Urlaubsbilder im Flur. Dubai. USA. Katzenschalen stehen herum, saubere und dreckige. Das Haus wirkt, als wäre der Bewohner nur kurz nicht zu Hause. Gemütlich. Heimelig. Doch der Bewohner ist vor zwei Wochen gestorben.

Diese Gedanken kamen mir vor wenigen Tagen, als ich ins Haus meines verstorbenen Nachbarn gegangen bin.*

Drei Todesnachrichten

erreichten mich in den letzten Wochen. Unser Nachbar war 70, sehr schwer an Krebs erkrankt. Er wusste schon lange, dass sein Weg zu Ende geht. Sein Tod stimmte mich sehr traurig, aber er überraschte mich nicht.
Die zweite Todesnachricht erschütterte mich bis ins Mark. Ich suchte in der Zeitung die Todesanzeige des Nachbarn – und fand die einer Mama von der Babymassage. 34, 3 kleine Kinder, das jüngste gerade 2 Jahre alt. Obwohl wir nicht befreundet waren, hat mich die Nachricht umgehauen. Der Tränenkrampf schüttelte meinen ganzen Körper.
Die dritte Nachricht fand ich zufällig auf Facebook. Der einzige Sohn eines (ebenfalls vor Jahren verstorbenen) Bekannten ist mit 23 gestorben. Damit ist diese Linie erloschen.

Seitdem frage ich mich: was bleibt… wenn Du gehst?

Ein Leben wird rückabgewickelt

Der Haushalt wird aufgelöst, die Bilder eingelagert, das Auto verkauft. Irgendwann zieht jemand Neues in das Haus ein. Und dann? Materiell gesehen war’s das. Die Erinnerung an den Verstorbenen hält ihn noch bei uns. Aber auch wir denken mit der Zeit immer weniger an die Menschen (je nach dem wie nahe sie uns standen), irgendwann nur noch zu den Todestagen, irgendwann gar nicht mehr. Und dann?

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Was bleibt… wenn Du gehst?

Je länger ich darüber nachdenke, desto eindeutiger fällt meine persönliche Antwort aus: es sind unsere Kinder.

Gerade der Fall des Bekannten und seines Sohnes bestätigt mir dieses Gefühl. Im Moment denken noch viele Menschen an die beiden, und so lebt die Erinnerung an sie auch weiter. Aber es kommt die Zeit, da hat man eine Woche nicht mehr an sie gedacht, einen Monat, ein Jahr. Irgendwann gar nicht mehr. Sind sie dann weg?

Sofern man es nicht in die Geschichtsbücher schafft oder etwas Nachhaltiges hinterlässt… ist man weg. Das Grab wird immer weniger gepflegt und irgendwann, nach vielen Jahren, auch aufgelöst. Und dann… dann war’s das.

Unsere Kinder sind aber das, was uns weiter trägt. Wir geben unsere Gene weiter, sind „die Mutter, Oma, Uri von irgendjemanden“. Dann kommt eine ganz lange Zeit, in der wirklich niemand mehr an uns denkt. Aber wer weiß, vielleicht ist unsere Ur-ur-ur-ur-Enkelin besonders ambitioniert und begibt sich auf Ahnenforschung. Und stolpert vielleicht wieder über uns.

Kinder als Sinn des Lebens?

Meine Gedanken sollen keinesfalls egozentrisch sein. Ich hoffe, keiner von uns hat Kinder in die Welt gesetzt, weil er oder sie der Meinung war, es wäre schade um die sensationellen Gene. Wir haben unsere Kinder, weil wir sie lieben. Aber irgendwann stellt sich vielleicht die Frage: Wer bin ich? Was soll ich hier? Was bleibt, wenn ich gehe?

Ob Kinder der Sinn des Lebens sind? Ich weiß es nicht. Und ich werde hier und jetzt auch keine Antwort danach suchen. Denn es gibt genug glückliche, bewusst kinderlose Menschen, die ihren Sinn woanders finden. Und es gibt Mütter, die es bereuen, Mütter geworden zu sein. Ihnen haben die Kinder den Sinn geraubt. (Darüber habe ich im Rahmen der Regretting Motherhood Debatte bereits geschrieben).

Ich war nicht unglücklich, bevor ich Mutter wurde. Aber erst mit der Geburt meines kleinen Mädchens habe ich etwas gespürt, das ich vorher nicht kannte. Eine ganz spezielle Art von Liebe, Verantwortung und Sinn. Ja, bereits im Krankenhaus hatte ich das Gefühl von Sinnhaftigkeit. Ich hatte keine Frage gestellt, aber dieses kleine Baby in meinem Arm war die Antwort darauf. Sie war der Grund. Für alles. Was war und was kommen würde.

Pathos? Meinetwegen. So habe ich wirklich gedacht und so denke ich noch heute.

Was bleibt.. wenn Du gehst?

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Wir sind ein Wimpernschlag. Zeitweise fühlen wir uns wichtig, zeitweise sind wir es auch. Den meisten Menschen ist unsere Existens völlig egal, doch für einige wenige sind wir existenziell. Und für diese Menschen tun wir all das hier. Und diesen Menschen bleiben wir erhalten, selbst wenn wir gehen.

Wäre es nicht ein schöner Gedanke zu sagen: was bleibt… wenn wir gehen? Das gute Gefühl. Zumindest noch für eine ganze Weile, nachdem wir gegangen sind.

Wäre es nicht erstrebenswert, am Ende unseres Weges als gutes Gefühl zurückzubleiben, wenn jemand an uns denkt?

 

PS. Denke ich an den Nachbarn, denke ich an einen feinen Kerl mit Klasse und Stil. Ein gutes Gefühl. Denke ich an die bekannte Mama, denke ich an eine Frau, die ihre Kinder vergöttert hat. Ein gutes Gefühl, wenn auch ein tieftrauriges. Denke ich an den Bekannten und seinen Sohn, so habe ich zumindest die Erinnerung an einen sehr feuchtfröhlichen Abend, der sehr viel Spaß gemacht hat. Auch ein schönes Gefühl.

*(Wir haben mit den Angehörigen des Nachbarn ausgemacht, dass wir seine Katze adoptieren. Um sie an uns zu gewöhnen, gehen wir sie in ihrer Umgebung füttern. Wir hoffen, sie zu uns zu holen, wenn sie die Scheu vor uns verloren hat.)

 

2 Comments

Was bleibt, wenn wir gehen? Eine sehr interessante Frage.
Was bleibt, wenn ich gehe? Ich weiß es nicht. Keine Kinder jedenfalls. Aus medizinischer Sicht gefährlich für mich und das Kind. Vielleicht war mir das schon lange bewusst, und mir fehlt deshalb das Mama-Gen.
Ist es denn wichtig, was bleibt? Ist es traurig, wenn eine Familie eine Generation ausstirbt? Keine Frage. Doch nur für alle die, die zurückbleiben.
Ist mir wichtig, was von mir zurückbleibt? Nein. Vielleicht ist es meine Krankheit, die mir diese Einstellung gebracht hat. Ich kann nicht mehr in die Zukunft planen. Ich muss jeden Tag nehmen, wie er ist. Gut oder schlecht. Und so bin ich froh, wenn die Gegenwart erträglich ist.
Auch meine Familie, wird mit mir aussterben. Bin ich traurig darüber? Ich weiß es nicht. Doch ich bin glücklich, über das, was ich noch habe. Einen Tag nach dem anderen.

Sorry für diesen Roman. Aber dein Eintrag hat mich gerade nachdenklich gemacht.
Danke für die schönen (wenn auch tränenreichen) Erinnerungen!

LG
Sandra

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Mir geht es wie Sandra.
Es gibt keine Kinder, Nachfolger oder sonstwas. Muss es das? Ich weiss keine Antwort darauf.

Meine Krankheit lässt mich ebenfalls für jeden Tag, der gut ist, dankbar sein. Wären Kinder da, könnten/müssten sie sich kümmern. Nur…wollte ich das?

Mein Mann liegt seit 13 Monaten im Friedwald – und ich war noch nicht einmal dort. Ich lebe mit den Erinnerungen, die auch mit mir verschwinden werden.

Was ich aber weiß, dass wir irgendwo und irgendwie einen kleinen, wenn auch vergänglichen Fußabdruck hinterlassen. Zumindest für eine gewisse Zeit. Das ist für mich ok.

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