Mein Weg vom Stillen zur Flasche

Die Zeitschrift „Eltern“ hat die Initiative für gesunden Mutterverstand ins Leben gerufen. Eine Initiative die ich persönlich grandios finde und sie Euch deshalb an dieser Stelle vorstellen möchte.

Unser_Manifest Mutterverstand

Wenn man Mama wird und sich in entsprechenden Kreisen anfängt zu bewegen stellt man sehr schnell fest dass sich die Mütter selbst enorm unter Druck setzen. Gerade in der ersten Zeit ging es mir ganz genauso.

Diesen Beitrag möchte ich gerne nutzen um Euch im Zuge dessen von meinem Weg von der überzeugten Stillmama noch viel überzeugteren Flaschenmama zu erzählen.

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Für mich war schon lange vor der Schwangerschaft klar dass nur Stillen das einzig Wahre sei. Ich würde mein Baby sechs Monate voll stillen und dann langsam mit der Beikost anfangen. Ich stillte sechs Wochen und gab Brei nach vier Monaten.

Mit dem Stillen wurde ich nie wirklich warm. Ich musste von Anfang an Stillhütchen verwenden weshalb sich das hochgelobte Gefühl der „besonderen Nähe zwischen Mutter und Kind“ nicht so recht einstellen wollte. (Vielleicht hatte ich auch zu viel erwartet, die Welt suggeriert einem schon Wunder was die Nähe beim Stillen angeht).

Nach vier Wochen saß meine Hebamme auf meiner Couch und ich gestand ihr unter Tränen dass ich Stillen doof fände. Sie riet mir – obwohl sie die totale Still-Verfechterin ist – ohne Umschweifen abzustillen und die Flasche zu geben. Ich zerging vor schlechtem Gewissen. Andere Mütter würden gerne stillen, können aber nicht. Und ich? Ich Rabenmutter fand es einfach nur doof. Aber deshalb meinem Kind die wertvolle Muttermilch zu verweigern? Zum Glück war meine Hebamme von Anfang an bei mir. Auf mein schlechtes Gewissen antwortete sie: Muttermilch ist nur dann so wertvoll wenn auch die Stillmama glücklich ist. Lieber eine glückliche Flaschen-Mama als eine unglückliche Stillmama die aufopfernd ihren Job macht.

Das Abstillen hat in etwa zwei Wochen gedauert. Mausi hat noch etwas länger nachts getrunken aber wenn ich mich richtig erinnere war das mit drei Monaten auch vorbei.

Als ich mich entschied die Flasche zu geben fühle es sich an als hätte man mir Berge von Steinen von den Schultern genommen. Ich war so unendlich erleichtert. Aber das schlechte Gewissen blieb. Man muss nur in die erstbeste Facebook Mama Gruppe oder ins erstbeste Mama-Forum schauen. Wer aus eigener Entscheidung die Flasche gibt (und nicht aus medizinischen Gründen oder ähnlichem) ist pauschal eine Rabenmutter und wie könne man nur dem Kind die Muttermilch aus Egoismus verweigern. Man würde die Nähe zum Kind gar nicht richtig aufbauen / spüren / empfinden / wasauchimmer können wenn da eine Flasche zwischen Mutter und Kind stünde.

Mich von diesen negativen Gefühlen zu empanzipieren dauerte eine ganze Weile. Die erste Zeit nach dem Abstillen habe ich auf die (überraschend oft von fremden Personen) gestellte Frage mit „nicht mehr“ geantwortet. Das hat immerhin suggeriert dass ich es einmal getan habe. Bis ich klipp und klar sagen konnte „nein ich stille nicht“ musste ich mir viel Selbstbewusstsein aneigenen.

Ganz ehrlich: der Glaubenskrieg Stillen vs. Flasche nervt mich ohne Ende. Klar ist Muttermilch das Beste fürs Kind, das habe ich ja nie geleugnet. Aber die Gesamtsituation muss passen. Ich bin so froh dass es hochwertiges Milchpulver gibt dass ich meinem Kind ohne Bedenken geben konnte. Das mir ermöglicht hat mich gut zu fühlen in meiner Mutterrolle. Und was die Nähe angeht: die habe ich überhaupt erst dank der Flasche erst richtig wahrnehmen können. Ich konnte mein Kind ohne Stress, ohne Druck, ohne ein ungutes Gefühl füttern. Ich konnte das Füttern erstmalig genießen. Mein seelischer Zustand war viel entscheidender für unsere Nähe als die Frage ob sie aus meiner Brust (Schrägstrich Hütchen) trank oder aus der Flasche.

Deswegen bitte ich an dieser Stelle alle Mamas: streitet Euch nicht. Wenn eine Frau nicht stillt weil sie es nicht will dann hat sie ihre Gründe. Welche auch immer. Sie werden ihr so wichtig gewesen sein dass sie sich bewusst für die Flasche und gegen das Stillen entschieden hat. Unsere Qualität als Mütter zeigt sich nicht über den Weg der Nahrungszufuhr aus sondern über die Liebe die wir unserem Kind geben, die Geborgenheit, die Nähe.

Beim zweiten Kind möchte ich dem Stillen dennoch eine zweite Chance geben. Aber ich werde viel ehrlicher mit mir selbst sein können falls ich wieder unglücklich damit sein sollte. Und ohne Umwege zur Flasche greifen.

Denn im Endeffekt wissen wir am besten was für uns und unsere Kinder am besten funktioniert. Und auf dieses Gefühl sollten wir öfters mal hören. Egal was uns von außen suggeriert wird.

5 Gedanken zu „Mein Weg vom Stillen zur Flasche

  1. Sehr schöner Beitrag! Genau so empfinde ich das auch und war immer heimlich „erleichtert“, auf die Frage, ob ich denn auch stille (die ja irgendwie immer sofort gestellt wird) mit Ja antworten zu können. Innerlich hab ich mich aber immer gefragt: „Und wenn nicht? Wäre das so schlimm? Warum ist das so wichtig?“.
    Ich bin und war auch nie wirklicher „Still-Fan“. Anfangs empfand ich es als sehr schmerzhaft und sehr einschränkend, später, nachdem sich alles etwas eingependelt hatte, war es dann „okay“ und es gab auch einige schöne, innige Momente, aber ich habe es nie so genossen, wie das einige andere Mütter tun. Als meine kleine Maus eines Nachts vor Kurzem mal plötzlich wieder wesentlich mehr Durst hatte als gewöhnlich, ich sie nach der Beikosteinführung sowieso nur noch zwei Mal (nachts und morgens) stille und sie einfach nicht mehr genügend Milch bekam in diesem Moment, gab ich ihr die Flasche und merkte, dass wir beide irgendwie wesentlich entspannter waren. Meine Maus ist jetzt 7 Monate alt und ich habe vor ein paar Tagen beschlossen ihr jetzt ebenfalls für beiden Milchmahlzeiten die Flasche zu geben und langsam abzustillen. Und außerdem versuche ich dabei, das schlechte Gewissen abzustellen, das sich dann automatisch einstellt, wie du es ja auch beschrieben hast 🙂
    Stillen ist wichtig und das Beste für ein Kind, ich glaube, da würde niemand widersprechen. Aber eine Glorifizierung des Stillens, wie sie momentan teilweise stattzufinden scheint, halte ich für falsch.
    In diesem Sinne: Danke für den schönen Artikel! 🙂

  2. Du sprichst mir aus der Seele! Auch ich fand Stillen total doof und hätte wohl abstillen sollen… Stattdessen 4 Wochen später Brustentzündung und OP 🙁
    Und wesentlich entspannter mit Flasche und Kuscheln 🙂

    Liebe Grüße aus dem schönen Schleswig-Holstein,
    Katharina

  3. Dein Beitrag ist ganz toll und spricht einen ganz ganz wichtigen Punkt an, der mir auch immer wieder aufstößt. Nämlich dieses ständige von Außen beurteilt werden. Es sollte viel mehr Toleranz geben unter Müttern und auch den älteren Generationen. Dann würde man sich selbst vielleicht nicht so einen fürchterlichen Druck machen. Ich selbst habe meine Kinder gestillt und das war völlig in Ordnung so. Deshalb muss das ja aber noch lange nicht jeder so machen! 😉 Es gibt soviele Wege und es ist wichtig, dass jeder seinen eigenen geht. Das wollen wir unseren Kindern doch schließlich auch mitgeben, die Stärke den eigenen Weg zu gehen!

  4. Unsere Stillbeziehung war von Anfang an ein Kampf gewesen. Ich war auf dem guten Wege depressiv zu werden und mein Kleener hat oft den ganzen Tag geweint, weil er selten satt und zufrieden war. Umso glücklicher war er mit der Flasche!! Wie ausgewechselt. Das schlechte Gewissen hat mich trotzdem gequält. Allen denen es genauso geht, empfehle ich einen Urlaub in Frankreich 😀 Die Französinnen stillen generell eher sehr kurz, halten Milchpumpen für abartig und gehen mit der ganzen Sache sehr gelassen um. Niemand schaut dort schief wenn man die Flasche gibt. Ein kurz stillendes 60 Millionen-Volk, dessen Lebenserwartung nochmal höher ist als in Deutschland! 😀 Mein Mann ist Franzose aber an alle Flaschenmamas mit schlechtem Gewissen da draußen: lasst euch von Trends in der Gesellschaft nicht verrückt machen!! Die Wasserqualität bei uns ist super, das Milchpulver in der EU hochwertig. Wenn das Stillen nicht klappt, gibt es Abhilfe!!

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